KUNSTHASEN

OSTERN 2017


Nicht erst seit Dürer hoppelte er durch die Kunstgeschichte. „Unübersichtlich aber wird der Hasenmythos für jeden, der den Blick über die eigene Kulturgrenze wagt. Zuerst taucht der Hase als früher Tiergott auf. Dann nimmt ihn bereits Aphrodite zu sich. Ihr Lieblingstier ist schnell, geil und äußerst fruchtbar. Herodot behauptet im 5. Jahrhundert, daß selbst die Männchen trächtig würden. Und im China Han-Dynastie steht Hase synonym für Homosexualität. Die Häsin zeugt nicht mit dem Hasen. Sie wird schwanger durch das Ablecken feiner Pflanzensprossen und gebärt die Jungen ausspuckend. So bezeichnet der weibliche Hase (yin-t’u) zugleich den äußeren Teil der Vagina. Das heidnische Symbol der Fruchtbarkeit verwandelt die katholische Kirche in sein Gegenteil. Augustinus behauptet, der Hase sei ein schwacher ängstlicher Mensch, gejagt von anderen Menschen, der bei Christus Zuflucht finden wird.“ 1

Dürer ging es in seinem Aquarell sehr wahrscheinlich nicht um die symbolische Bedeutung, sondern allein um eine naturhaft dargestellte Präsentation. „Zeitweise gehörte eine Reproduktion von Dürers Hase zum festen Inventar bürgerlicher Wohnstuben. Immer wieder abgedruckt in Schulbüchern, verbreitet in unzähligen Reproduktionen, als Relief in Kupfer, Holz oder Stein, vollplastisch aus Kunststoff oder Gips, Umhüllt von Plexiglas, aufgemalt auf Straußeneier, gedruckt auf Plastiktüten, verfremdet als „Hasengiraffe“ von Martin Mißfeld, als Gag von Fluxus-Künstlern oder in Gold gefasst und günstig zu erwerben in Galerien und auf Kunstmessen. Sigmar Polke  hat sich immer wieder mit dem Hasen beschäftigt , ihn auf Papier oder Textiles gemalt (Abb.), in Installationen untergebracht, Dieter Roths „Köttelkarnikel“ ist eine nach dem Vorbild des Dürer-Hasen aus Hasenmist geformte Nachbildung und Klaus Staek schließlich sperrt ihn in einen engen Holzkoffer, von dem ein Stück abgeschnitten wurde, so dass der Hase im Koffer einen Ausblick hat und Luft bekommt.“ 2

Nicht zu vergessen Schlingensiefs 2004 rund um seine Parsifalinszenierung  erweiterter Hasenbegriff und warum in Zukunft Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen sollten und 40 Jahre früher Joseph Beuys Aktion „Wie man einem toten Hasen die Kunst erklärt“ von 1965.

So vermute ich, dass eher der tote Hase die Bedeutung der Kunst begreift, als der sogenannte gesunde Menschenverstand. Der menschliche Betrachter zeigt sich ohne jedes Verständnis, da er schon immer alles verstanden hat, noch bevor er überhaupt richtig hingeschaut hat, d.h. im Wettlauf mit dem Hasen gefällt er sich in der Rolle des Igels.“ 3

Auf ein südwestafrikanisches Märchen bezog sich Christoph Schlingensief, als er den Kultobjekten im Parsifal den Hasen hinzufügte. „Es kursiert ein Gerücht in Namibia. „Als die Menschen noch über tote Freunde trauerten, sandte ein guter Mann, einen Hasen zu ihnen. Der sollte verkünden, daß, wenn die Menschen zunächst auch stürben, sie doch eines Tages zurückkehren, so wie der Mond. Der Hase lief zur Buschlaus und bat sie, statt seiner die Botschaft auszurichten. Er erzählte sie auch ganz verkehrt. Die Buschlaus weigerte sich. „Nein“, sagte sie, „es ist viel zu früh und ich bin noch nicht fertig angezogen. Lauf nur selbst!“ Als nun der Hase zu den Menschen kam, verdrehte er die Botschaft komplett: „Wer tot ist bleibt tot und lebt nie wieder,…im Gegensatz zum Mond.“ Seither hassen die Menschen den Hasen und nennen ihn den „dummen Tor“. Wer Hasenfleisch ißt, dem hält man das sein Leben lang vor.“

Als 2009 die staatliche Sammlung meinen Hasen, das Gemälde ICH HASE KUNST kaufte, fühlt ich mich sehr geehrt. Bernd Zimmer, den ich aus den 80ern von den „Neuen Wilden“ als Ackerfurchenzimmer kannte, gab den entscheidernden Tipp: „Der weiß was er tut!“ Das schmeichelte mir zwar, stimmte aber nicht. Ich hatte mich schon mit Fröschen und Affen gequält und landete dann beim Hasen, als Spiegel, als Schatten durch alle Metamorphosen und Deutungen hindurch von Herodot bis Augustin. Fruchtbarkeit und osterhaselige Wiedergeburt fand ich gut, auch als Metapher für dieses Gemälde eines überdimensionalen Stofftieres mit Palette. Wie sehr es beim Metaphorischen bleiben sollte, ahnte ich damals nicht und hätte auch keinem namibischen Hasen geglaubt. Nachdem es aber in die unendlichen Depots der staalichen Sammlungen entschwunden war, sah ich nie wieder etwas von Ihm.

1. Götz Leineweber, 2. Wikipedia, 3. Marcel Chromik, Abb. o.: „falscher Hase“, Stefan Scherer, Abb. m.: „Dürer Hase“, Sigmar Polke, Foto: Joseph Beuys, Foto u.: „Kirche der Angst“, Bienale Venezia 2011

 

 

 

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