VENEDIG, 57. BIENNALE 2017 „VIVA ARTE VIVA“ IM SCHNELLDURCHLAUF

Ein  Marathon für die Kunst

von Gabriele Dräger

Deutscher Pavillon

Die Biennale ist die wichtigste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Christine Macel ist die Kuratorin der Biennale 2017 mit dem Motto „Viva Arte Viva“. Macel wurde 1969 in Paris geboren und ist Chefkuratorin im Centre Pompidou in Paris. Sie, die bekannt ist für ihre extravaganten Ausstellungen, erklärt: „In meinen Augen ist die Kunst ein autonomer Raum, eine zu verteidigende letzte Bastion der Freiheit.“ Im Arsenale und in den Giardini stellen 85 Nationen und im Zentralen Pavillon 120 internationale Künstler aus.

Arsenale

Beim Betreten der Arsenale ist man immer wieder von den dicken Mauern beeindruckt. Und dann beginnt die Ausstellung. Kinder haben Spaß mit den Würfeln aus Stäben von Rasheed Araeens, denn sie dürfen die Würfel neu ordnen und umbauen.

Nähgarnrollen in allen Farben von Lee Mingwei zeigen die Verbindung der Kommunikation in der Welt „Mending Project“. Hier kann man auch etwas reparieren oder eine Kleinigkeit sticken lassen. Die Assistentin Carla Adra aus Frankreich ist bereit, sie stickt ein Symbol auf ein Haarband. An der nächsten Installation von David Medalla „Stich in Time“ darf man etwas dazu hängen oder stellen, was immer Spaß macht, wenn die eigene Fantasie gefragt wird. Dann kommen kontrastreich die großen einfarbigen Stoffobjekte von Franz Erhard Walther aus Deutschland. Er erhielt den Goldenen Löwen für den besten Künstler der internationalen Ausstellung.

Franz Erhard Walthers

In das grob gewebte Schamanenzelt des Brasilianers Ernesto Neto und Huin Kuin darf man sich reinsetzen, man muss nur die Schuhe ausziehen. Wer mag, kann sich mit den Bongos in Trance spielen oder einfach nur die Blumentöpfe betrachten. Das Zelt soll an die Amazonas Indianer erinnern. Der Länderbeitrag Kosovo von Sislej Xhafa ist ein leerer Kiosk aus Holzpaletten mit der Aufschrift „Lost and Found“. Ein Besucher hat heimlich ein Papierschiffchen gegenüber des Telefons aufgestellt.

Die farbigen Wollknödel von der Amerikanerin Sheila Hicks sind ein 16 Meter langes, gewaltiges, leuchtendes Farbspiel. Pause, es ist Zeit für einen Espresso. Danach geht es mit einem Beitrag von den Philippinen mit gegenständlicher Malerei von Manuel Ocampo und einer Holzbank-Installation von Lani Maestro weiter. Mit seinem archaischen, brutalen und provokativen Malstil mit Punk und Comics kritisiert Manuel Ocampo Religion, Kolonialismus und Imperialismus. Chile zeigt mit unzähligen Masken auf Stäben von Bernardo Qyarzun, ein Mahnmal für die unterdrückten Ureinwohner in Chile.

Baernardo Qyarzun

Auf der fast 20 Meter breiten Filmleinwand wird die Kolonialgeschichte Neuseelands mit Eingeborenen und Eroberern gezeigt. Sie schaut auf beide Seiten der Geschichte – auf die der Eingeborenen und die der Eroberer. Lisa Reihana hat den Videofilm nach alten französischen Bildvorlagen kreiert. Zehn Jahre hat sie dafür gearbeitet. Hier bleibt man gerne etwas länger sitzen.

Planeten aus blank poliertem Marmor und Natursteinen „Pars pro Toto“, quanten-physikalische Phänomene zwischen Pluto, Mars und Merkur“ liegen am Hafenbecken der Arsenale vor dem verrosteten Kran. Sie sind von der polnischen Künstlerin Alicja Kwade, die in Berlin lebt.

Wenn man ein Ohr an eine Kugel hält, kann man verschiedene Geräusche hören, die sind von Datenplatten der „Voyager Golden Records“, die Raumsonden 1977 für Außerirdische mit ins All nahmen.

Im italienische Pavillon stellen nur drei italienische Künstler mit dem Thema „Il Mondo Magico“ aus. Der Mailänder Roberto Cuoghi schuf eine Welt Frankensteins, hat lebensgroße Jesus-Figuren und Teile gebaut, die in den Seitenflügeln des transparenten kuppelförmigen Tunnels lagern. Irgendwie ist der Geruch etwas seltsam. „Imitazione di Christo“ ist das Thema der Installation. China zeigt traditionelle Schattentheater von Wang Tianwen aus Shaanxi. Chinesische Künstler geben ihre Tradition an die Jetztzeit mittels Schattentheater und goldenen chinesischen Schriftzeichen weiter. In der Gartenanlage stehen Liegestühle – ideal zum Entspannen im Schatten während der Mittagspause.

Italienischer Pavillon

Für Argentinien hat Clauda Fontes den Traum kleiner Mädchen erfüllt: ein großes Pferd in Schneeweiß mit ausdrucksvollen blauen Augen, das einen in eine Märchenwelt versetzt. Ein kleines Mädchen, auch in Weiß, krault die Nüstern des Pferdes und hält sich mit der anderen Hand die Augen zu.

Giardini Zentralgebäude

Die Hauptausstellung in den Giardini ist von Olafur Eliason mit dem Thema „Green Light – An artistic workshop“. Hier können Flüchtlinge und Besucher aus bereitliegenden Material Lampen bauen. Die Lampen kann man im Museumsladen auch ab 250 Euro kaufen, der Erlös ist für einen karikativen Zweck bestimmt. Portraitzeichnungen auf hauchdünnen Papier zeigt Kiki Smith, die in Nürnberg geboren wurde und in New York lebt. Am Ende des Zentralgebäudes gibt es noch einen Film: „Lake Valley“ von der Amerikanerin Rachel Rose. Der Film zeigt ein Haustier, dass allein zu Hause ist und in einen Traum einer Person hineinstolpert. Der Film basiert auf Zeichnungen aus Kinderbüchern und hat teilweise psychedelische Bilder.

Pavillons der Länder

In den Länderpavillons zeigen die Länder, was sie zeigen wollen, frei vom Thema der Biennale, manche jedoch folgen dem Thema.

Für den deutschen Pavillon (Abb. s. oben) heißt es zuerst: schwitzen für die Kunst. Schon am Morgen gibt es vor dem Deutschen Pavillon eine lange Warteschlange. Beim Anstellen kann man zwei Hunde im Zwinger betrachten. Das Warten lohnt sich: Das Thema der vierstündigen Performance ist „Faust“ und die Macht des Geldes. Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof und die Kuratorin Susanne Pfeffer vom Fridericianum haben den Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag zu Recht erhalten. Die Performance „Faust“ ist anspruchsvoll und ernsthaft. „Wir sind dabei, uns in der Unterwelt einzurichten, wir haben es nur noch nicht gemerkt,“ erklärt Anne Imhof. Man erkennt den deutschen Pavillon nicht wieder. Der Besucher läuft über einen Glasboden, der einen Meter über dem eigentlichen Boden eingebaut wurde. Die Zwischendecke zum ersten Stock ist entfernt worden. Junge Menschen in lässiger Kleidung agieren im Pavillon, unter und auf dem Glasboden und oben, wo einst der erste Stock war, angeseilt auf einem schmalen Brett sowie mitten zwischen den Besuchern.

Gleich neben dem Deutschen Pavillon verspricht eine Tafel am koreanischen Pavillon: „Pole Dance, Free Peep Show und Free Orgasm“. Im Inneren dagegen werden Probleme und Konflikte in der koreanischen Gesellschaft von Cody Choi und Lee Wan gezeigt. „Proper time“ zeigt 600 Uhren, in die Daten von Menschen gespeichert wurden, die Lee Wan interviewt hat.

Koreanischer Pavillon

Der russische Pavillon zeigt von Grisha Bruskin „Das absurde Theater der Masse“. In seinem Theater spielt das Leben mit weißen Figuren und Video-Installationen.

Im japanische Pavillon liegen Kleidungsstücke um ein Loch im Fußboden, das von Miniatur Raffinerieanlagen umgeben ist. Einen Stock tiefer kann man eine Treppe hochsteigen und den Kopf durch das Loch stecken und auf die Raffinerieanlagen und die Kleiderberge sehen. Der japanische Künstler Takahiro Iwasaki konzentriert sich auf das Thema Architektur mit seinen im Raum schwebenden japanischen Holzhäusern.

Am kanadischen Pavillon passiert etwas: Geoffrey Farmer lässt eine etwa neun Meter hohe Wasserstrahlfontäne hin und wieder aus dem Boden schießen. Der Pavillon hat nur noch ein halbes Dach, sodass die Fontäne freie Fahrt hat. An heißen Tagen kann man sich dort die Hände kühlen.

Vor dem britischen Pavillon liegen farbige unförmige Kugeln aus Zement. Phyllida Barlow, die britische Bildhauerin, hat die Kugeln und auch die gewaltigen Objekte im Inneren des Pavillons gestaltet. Die Objekte im Innenraum sind so groß, dass sie fast eine Bedrohung sind in ihren groben und archaischen Formen.

Der französische Pavillon ist mit Holz wie ein Tonstudio verkleidet. Überdimensional große Holzinstrumente und echte Instrumente stehen herum. Das hat der der französische Künstler Xavier Veilhan kreiert. Experimentelle Musik wird hin und wieder gespielt. Wenn keine Musik gespielt wird, kann sich ganz auf den Raum konzentrieren, der wie eine Skulptur wirkt. Im hinteren Teil ist ein Aufnahmestudio eingerichtet, hier kann man nur durch eine Glasscheibe hineinschauen.

Von Erwin Wurm ist im österreichischen Pavillon ein Lastwagen, der sich in die Erde bohrt. Beim Anblick des Lastwagens erinnert man sich an den in Österreich gefundenen Kühlwagen mit 73 Leichen und an die ISIS-Attacken in Nizza und Berlin. Auf einer Rampe kann man zu einer Aussichtsplattform im Lastwagen steigen und das Gelände überblicken. Ein Hinweis sagt: „Still stehen und über das Mittelmeer schauen“. Es ist unmöglich das Mittelmeer von Venedig aus zu sehen. Das Mittelmeer kennt jeder, man hat es im Kopf und es wird zum Sehnsuchtsbild. Sehnsuchtsorte für Migrationen ist das Thema bei Erwin Wurm. Der Wohnwagenanhänger mit ausgesägten Löchern, durch die man den Kopf, Beine oder Arme für Fotos stecken kann, wird oft fotografiert. Ein paar Schritte weiter zeigt Serbien Malerei, die nur sehr selten auf der Biennale vertreten ist. Die Bilder sind aus Acryl, Sand und Öl von Dragan Zdravkovic zum Thema „Enclave“.

Fazit

Bei einem Biennale-Besuch schafft man es nicht, alle Ausstellungen in Venedig zu besichtigen. Man hat immer das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Da viele Länder in ganz Venedig Wohnungen oder Häuser für ihre Ausstellungen angemietet haben braucht man bequeme Schuhe für die kilometerlangen Wanderungen.

Kontakt: Biennale Arsenale und Giardini www.labiennale.org

Punta della Dogana – Unterwasserschätze

Man kennt die Medizinschränke mit Medikamentensammlungen, den in Formaldehyd eingelegten Hai und den mit Brillanten besetzten Totenkopf von Damien Hirst. Das Museum von Francois Pinault, der die Modefirmen Gucci, Saint Laurent, Christies und Chateau Latour vertreibt, zeigt zur Biennale Damian Hirst unter dem Motto „Treasures form the Wreck of the Unbelievabel“. Im Meer wird ein Wrack gefunden, das mit Schätzen gefüllt ist. Die Fundstücke sind mit Korallen und Schwämmen überwuchert. Da gibt es die Hydra, die Göttin Kali, Mickey Mouse und Goofy, einen muschelbesetzten Roboter und einen Minitaurus, der gerade in einem Vergewaltigungsakt ist.

Palazzo Grassi – Kitsch as Kitsch can

Der britische Künstler, Ex-yba (young british artist) und Unternehmer Damien Hirst stellt im Palazzo Grassi aus. „Alles fake“, oder „gefakte Schätze“ sind sein Thema. Der Dämon ist 18 Meter hoch, er ragt über drei Stockwerke bis zum Dach hoch. Er sieht aus wie eine Bronzeskulptur, ist aber aus Plastik. Sie wurde in etwa 50 Einzelteilen angeliefert und im Museum aufgebaut; die Schnittstellen wurden mit Plastik verdeckt. Die große Figur ist das wohl am meisten fotografierte Objekt im Palazzo Grasso.

Damien Hearst

Punta della Dogana und Palazzo Grassi www.palazzograssi.it

The Golden Tower“

am Campo San Vio von James Lee Byars kann man gut von der Brücke der Accademia sehen oder wenn man mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande daran vorbeifährt. Der goldene Turm ist ein guter Kontrast zu den Palazzi.

Die Gallerie dell’ Accademia

zeigt während der Biennale den amerikanische Künstler Philip Guston. Er gehört zu den abstrakten Expressionisten. Seine Bilder sind zumeist in rosa gemalt und zeigen oft Alltagsgegenstände, Kapuzenmänner, brennende Zigaretten, Pinsel, Leinwände und Staffeleien.

Glasstress Ausstellung im Glasmuseum

Erwin Wurm

Erwin Wurm mit seinen Wärmflaschen, die Beine haben, übergroßes Sexspielzeug von Paul McCarthy, ein Käfer, aus dem ein Baum wächst von Jan Fabre und der ausgestreckte Mittelfinger von Ai Weiwei sind alles Objekte aus Glas.

Kontakt: Italien www.italia.it | Venedig Tourismus www.venedig.net
Biennale www.labiennale.org, www.veneziaunica.it

 

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