DEBÜTANTENAUSSTELLUNG 2018 AdBK MÜNCHEN

Junge Kunst im ehemaligen Heizwerk

Die Akademie der Bildenden Künste München kürt jedes Jahr herausragende Absolventen des Staatsexamens und des Diploms. In diesem Jahr fand die die Ausstellung und Auszeichnung der elf von 80 Studenten im MMA – „Mixed Munich Arts“, dem ehemaligen Heizwerk der Stadtwerke statt. Constantin Mascher hielt die Begrüßungsrede. Er ist der Erfinder des Gebäudes, denn er hatte das leerstehende Heizwerk gesehen und erkannt, dass man etwas daraus machen konnte. Zuerst war das Haus noch eng wie ein U-Boot, vollgestopft mit großen Kesseln und Rohren. Nach einem aufwändigem Umbau wurde das Heizwerk unter dem Namen „Mixed Munich Arts“ eröffnet. Constantin Mascher erklärte, als er das Gebäude geradezu für Kunst geschaffen ist. Besser kann ein Standort für Kunst nicht sein, denn „Mixed Munich Arts“ befindet sich genau im Kunstareal von München. Seit 2013 wird das Heizwerk mit der riesigen Halle außerdem als Szene Club und für Events genutzt.

Kunst muss wandern

Professor Dieter Rehm, der Präsident der Akademie der Bildenden Künste München, hielt die Rede zur Preisverleihung. Die ausgestellte Kunst der Debütanten kam in der 35 Meter hohen Halle im rohem Industriedesign voll zur Wirkung. Professor Dieter Rehm betonte, dass wir Kunst brauchen, wie die Luft zum Atmen. Außerdem regt Kunst zum Denken an und ohne Kunst ist alles nichts. Man sollte mit Respekt betrachten, was Künstler schaffen, denn sie zeigen Leidenschaft in ihren Werken. Kunst muss in die Welt hinaus wandern. Mit der Ausstellung der Debütanten wandert die Akademie nach draußen in die Maxvorstadt. Die spannenden Räumlichkeiten boten eine Chance die Arbeiten der Debütanten wirkungsvoll zu zeigen.

Musik statt Laudatio

Die Laudation der Debütanten übernahmen Veronica Burnuthian und Alexander Greifenstein mit analoger Synth-Noise-Wave-Techno-Punk. Die Selbstauskunft der zwei ist einfach „nur Kraft mit Beat, Gesang und Abwechslung“.

Preisverleihung

Nach der Musikeinlage outet sich Dieter Rehm als Rock’n’roller und trinkt zuerst einmal einen Schluck Bier. Der Höhepunkt war die Preisverteilung, die Professor Dieter Rehm übernahm. Sandra Bejarano, Hell Gette, Anna Jarczyk, Flicitas Kennel, Steffen Kern, Michael Schmidt, Jasmin Schwarzfischer, Gülbin Ünlü, Viola Relle & Raphael Weilguni, Max Weisthoff und Frauke Zabel wurden ausgezeichnet. Die Jury bestand aus Eva Burkhardt der Studierendenvertretung, Dr. Verena Hein Villa Stuck, Serafine Lindemann Akademieverein, Dr. Susanna Ott Kunstclub 13, Dina Renninger Erwin und Gisela von Steiner-Stifung, Regine Scharpff-Thiess Stiftung Kunstakademie, Zita Schüpferling Künstlerin, Anne Uhrlandt freiberufliche Kuratorin, Katharina Vossenkuhl Sammlung Goetz und Max Weber Galerie MaxWeberSixFriedrich.

Virtuelle Landschaft

Eine herausragende Arbeit ist eine Landschaft von Hell Gette. Sie nimmt dazu Fotos, die sie digital verfremdet, dann malt und dann wieder abfotografiert. Anschließend setzt sie Emojies ein, um das Ganze mit Öl zu malen. Hell Gette erzählt Geschichten in einer virtuellen Welt. „Es reizt mich, zeitgenössische, nicht greifbare Elemente in Techniken wie Ölmalerei oder in Keramik umzusetzen“, erklärt Hell Gette. Sie wurde 1986 in Kasachstan geboren und studierte von 2012 bis 2017 bei Professor Markus Oehlen Kunst an der Akademie der Bildenden Kunst in München.

Tanzen, feiern oder essen und trinken

Nach der Preisverleihung wurden noch zwei Performances gezeigt und der nächste Punkt war „Raphael und Franz machen Musik für Dich“ zum Zuhören und Tanzen. Entweder man feierte noch in der Ausstellung oder hing im „Electric Elephant“ Restaurant auf dem Gelänge des MMA mit indischer Küche, Industrie Design und großer Terrasse ab. Die Basis der Küche ist vegetarisch-vegan, aber es gibt auch Fleischgerichte. Statt eines Pizzaofens gibt es einen Tandori-Ofen. Musik und gute Drinks dazu gibt‘s natürlich auch.

Kontakte:

Akademie der Bildenden Künste www.adbk.de

MMA, Katharina-von-Bora Str. 8, 80333 München www.mixedmunicharts.de

WASSERBURGER KUNSTVEREIN AK68

Vom Kunstverein zum KultuRKlub

 

 

Wer sich in letzter Zeit nur ein wenig mit der Wasserburger Künstlergemeinschaft AK68 beschäftigt hat, darf sich die Augen reiben, angesichts eines Artikels des hiesigen Lokalblattes https://www.ovb-online.de/rosenheim/wasserburg/gute-zahlen-neue-ideen-9839219.html, der die insgesamt vier Vorstandsrücktritte als die Folge simpler Streitereien beschreibt, – wohl bemerkt, nicht etwa ernsthafter Auseinandersetzungen. Die irritierenden Demissionen des ehemaligen 1. Vorsitzenden, sowie eines Sponsors und Kunstpreisstifters fielen im Bericht gleich ganz unter den Redaktionstisch.

Im selben Stil wird die Kritik am Verzicht auf Kunstvermittlung durch Vorträge und Kuratoren als „Anfeindungen einer kleinen Gruppe“ marginalisiert. Das alles vor dem Hintergrund sich zurückziehender Sponsoren wie Meggle und den zunehmend beunruhigten Rotarieren samt einer anhängigen Klage vor dem Rosenheimer Amtsgericht. „Spürbar besseres Klima“ berichtet die Autorin unerschüttert weiter, will sagen: Alles in Butter auch ohne Meggle!

Derweil schickt sich der neue Vorstand des Arbeitskreises 68 an, als Wasserburgs einzige Institution für zeitgenössische Kunst nun die Grenzen zwischen Bildender Kunst und kreativer Selbstverwirklichung im Ansturm boomender Amateure einzuebnen.

Die Folgen dieses populistischen Unternehmens sind eine nicht nur außerordentlich gut besuchte Mitgliederversammlung der Symphatisanten dieser Strategie, die jeden Diskurs über die skandalösen Rücktritte und Rauswürfe im Konsenspathos absaufen lässt, sondern ebenso der für Wasserburg bedauerlichen Transformation einer traditionsreichen Künstlergemeinschaft in einen Kulturverein der Kreativen. „WASSERBURGER KUNSTVEREIN AK68“ weiterlesen

ARTMUC & STROKE ART FAIR 2018 NACHLESE

Mit abstrakter, realistischer und expressionistischer Malerei, Fotografie, Comics, Pop, Mixed Media und Videokunst zeigte die Artmuc vom 10. bis 13 Mai zeitgenössische Kunst im Isarforum und auf Münchens Praterinsel.

Betritt man die Artmuc im Innenhof der Praterinsel erklingt Musik und die farbigen Skulpturen von  Peter Schwenk sind schon die richtige Einstimmung zur Kunstmesse.

Die Artmuc wird fünf Jahre alt

2018 fand die fünfte Artmuc statt und das ist schon ein Grund für ein erstes Jubiläum. Die Brüder Marco und Raiko Schwalbe gründeten 2009 die Stroke Art Fair, eine Messe für zeitgenössische Kunst in München. Vor fünf Jahren hoben sie dann noch die Artmuc aus der Taufe. Die Kunstmesse sollte die Lücke zwischen dem hochprofessionellen Kunstmarkt und den Künstlern verkleinern. Damit ist die Artmuc eine Plattform für Künstler und Galerien für zeitgenössische Kunst. In diesem Jahr präsentierten etwa 150 Einzelkünstler und 25 Galerien ihre Werke. Die Künstler kamen aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Polen, Spanien, Österreich und der Schweiz.

Ueckers Prägedrucke

In der Halle der Galerien werden Nagelköpfe-Prägedrucke von Günther Uecker um die 20.000 Euro von der Galerie Wilmsen angeboten. Ein Künstlerehepaar Livia Kubach und Michael Kropp zeigt eine Säuleninsel aus massiven Stein, Teile der Skulptur sind jedoch beweglich und können sogar Töne erzeugen. Frieda Martha war Innendekorateurin und ist heute die Spezialistin für unzählige Nuancen in Weiß. In Sachen Kunst gibt es eine Galerie, die Kunst per Leasing zu den Menschen bringt. „ARTMUC & STROKE ART FAIR 2018 NACHLESE“ weiterlesen

REPRODUKTION

Mitgliederausstellung 2017 des Wasserburger AK68 – Galerie im Ganserhaus

 

Gabriele Granzer „mausetod“

Die gut besuchte Vernissage der 49sten Mitgliederausstellung des Wasserburger Kunstvereins AK68 verströmte erst einmal viel vorweihnachtliche Atmosphäre. Aus nasskaltem Schmuddelwetter in warme Räume einkehren zu können, schafft an sich schon Wohlbehagen und Konsens. So konnten auch die, wie üblich auf Vernissagen nicht wirklich zu rezipierenden Kunstwerke, durch kritische oder provozierende Positionen das Bild einer harmonischen Veranstaltung nicht trüben. Höhepunkt der Vernissage war denn auch der Auftritt des Nikolauses, in Person des viel gebuchten Ex- Stadtrats Peter Stenger, sekundiert von der rührigen 2. Vorsitzenden Katrin Meindl, die mit großer Spielfreude knurrend und fauchend in ihrer Rolle als Krampus aufzugehen schien.

Es folgten Lob und Tadel. Lob galt dem Vorstand, insbesondere seinem früh fertiggestellten Jahresprogramm 2018, augenzwinkernder Tadel dem sporadisch losen Mundwerk des Manuel Michaelis, nach dessen Konzept und Themenvorschlag „Reproduktion“ die Mitgliederausstellung dieses Jahr gestaltet wurde. Zum Schluss konnten es sich die Ghostwrighter des goldenen Buches nicht verkneifen, ihren Ärger über „die hinterhältige Kritik in Presse und Blogs“ durch den aufrichtig bemühten Nikolaus verkünden zu lassen. Mit Krampussin Meindls finalem Fauchen-Fuchteln-Rutenschwingen war damit auch dem letzten Besucher klar, dass er in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, im Auge der Provinz, im Zentrum von Provinzialität. Man konnte mühelos vergessen, dass man sich auf der Vernissage eines Kunstvereins befand und nicht etwa auf der Weihnachtsfeier eines Autohauses.

An einem stillen nachweihnachtlichen Sonntag besuchte ich die Ausstellung noch einmal, wie zu erwarten in menschenleeren Räumen. Das ist bedauerlich, handelt es sich doch mit dem Thema „Reproduktion“ um ein – eigentlich – interessantes Sujet. Nun kann niemand dem renommierten AK68 einen Vorwurf machen und auch nicht der per se oberflächlichen Berichterstattung der regionalen Presse, dass sich die Besucherzahlen der regionalen Kunstvereine in so einem krassen Gegensatz zum populären Run auf die Sonderausstellungen und Hype-Events der Metropolen befinden. Die Provinz ist nur in Ausnahmefällen in der Lage Kultur- und Bildungserlebnisse als Spektakel glamourös-trojanischer Pferde zu präsentieren.

Um aber wenigstens dem Vorurteil des Provinziellen zu entgehen, sollte man zumindest die schlimmsten Fehler vermeiden, wie etwa die wirren Thesen im Konzept der diesjährigen Mitgliederausstellung des AK68.

Marcel Duchamp „Fountain“

Schon zu Beginn lässt der Spiritus Rektor des Entwurfs, Manuels Michaelis in seinem Expose die (Kunst)Begriffe gründlich verdampfen. Klassische Veduten- und Porträtmalereien werden als „Darstellungen, in reproduzierender Weise“ (Michaelis) definiert und „die Reproduktion des Gesehenen“ als „Grundlage der künstlerischen Interpretation“ (Michaelis) gedeutet. Das ist kunsttheoretisch und wahrnehmungspsychologisch einfach Käse. Dabei hätte doch ein einziger Blick auf Wikipedia genügt: “In der Kunst steht der Begriff Reproduktion für die Wiederholung eines Kunstwerkes in originaler Technik, wenn die künstlerische Technik das vorsieht (Druckgrafik, Kunstguss) oder übertragener Technik (Kunstdruck), handgemalte und detailgetreue Kopie eines Ölgemäldes etc.). Bei Reproduktionen, bei denen jedes Stück als Werk gilt, – nicht als Kunstwerk – spricht man von Auflage einer Reproduktion.“ In dieser Definition zeigt sich der deutliche Gegensatz zur klassischen Herstellung von Kunstwerken. So abstrahieren und materialisieren Künstler, selbst Kunsthandwerker ihre Wahrnehmungserlebnisse in einem singulären Akt, den „Rekonstruktionen“ eines bereits im Wahrnehmungsprozess interpretierenden Gehirns. Erst in der Folge dieses Produktes ist die Reproduktion möglich. Die primäre künstlerische Leistung aber ist niemals reproduzierend, selbst wenn sie wie Duchamp die industrielle Reproduktion eines Urinals zum Kunstwerk erklärt. Der künstlerische Akt ist hier nicht die Reproduktion, sondern die kognitive Leistung ihrer Umdeutung in ein Kunstwerk. „REPRODUKTION“ weiterlesen

NEO GALLERY

Ein Abend im Friedberger Concept-Store von Martin Oster und Alexander Efimov

 

Martin Oster, Alexander Efimov

Wir sind in Friedberg, Friedberg bei Augsburg, genauer auf dem Friedberger Berg. Auf der Anhöhe beleuchten die Schaufenster zweier ledbestrahlter Räume eine Menschenmenge. In der ansonsten menschenleeren Straße wirkt das wie ein Flashmob oder eine Demonstration.

Lieber Friedberg als Berlin

Das Licht kommt aus Martin Osters und Alexanders Efimovs neo Gallery und ihrer Showrooms und erhellt nicht nur die Menge auf der Straße, sondern auch eine Kulturszene an der Peripherie der Großstadt Augsburg und – was vielleicht noch interessanter ist – die Strategie, sich abseits vom Großstadt-Hype – als Künstler, Kunstvermittler und -vermarkter zu etablieren und vor allem zu überleben.

                                                       you are art – art is not expensiv

Lieber Friedberg als Berlin“ titelte die „Augsburger Allgemeine“ anlässlich des Galerie-Openings im Sommer. Martin Osters programmatischer Satz ist dabei so beschwörend wie appellierend. Denn was könnte der Friedberger Kulturszene Besseres passieren, als dass sich junge Künstler auf das Abenteuer Provinz einlassen mit allen seinen existenziellen Risiken, die Provinz Ihnen aber wiederum Arbeits- und Lebensmöglichkeiten bietet, die in den Metropolen einfach nicht zu finanzieren wären.

Ich kenne Martin noch von seiner Ausstellung im AK68/Galerie im Ganserhaus 2012 in Wasserburg am Inn, deren Kurator ich in dieser Zeit war. Mit der Videoinstallation „realartificial 2.0“ schuf er damals in den Gewölben des mittelalterlichen Ganserhauses eine spektakuläre Videoinstallation, in der er nicht nur die Bilder und Videos entwickelte, sondern ebenso deren Sounds und Musiken.

Nach Ausstellungen in Rosenheim und Salzburg ließ sich das unruhige Multitalent, Magister Artium Martin Oster aber nicht aufhalten und landet 2014 schließlich in den Ateliers des Augsburger Kulturpark-West. Von da aus und bis zum Friedberger Weihnachtsprogramm der Neo-Gallery 2017 war der Weg zwar noch nicht absehbar, am Ende aber schlüssig und in gewisser Weise sogar beispielhaft für künstlerische Überlebensstrategien im „so-called postmodern“.

Dominik Schuhmacher

Was Martin Oster und Alexander Efimov in ihrem weihnachtlichen Galeriekonzept aber nun zusammen- oder nebeneinanderbringen, stellt für den traditionellen Galeriebesucher eine Herausforderung dar. Da zerfließen, trotz Trennung durch die zwei Ausstellungsräume der Galerie, die Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Im einen Raum begegnet man hiphopigen Baseballcaps von Lou-i, Designerschmuck von Sandra Kickstein, Eva Ullrich und Ace of Beads. Der zweite, ca. gleichgroße Raum zeigt Malereien und Graphiken von Markus Maag, Dominik Schuhmacher, Paul Ritzl, Martin Oster und mir sowie Skulpturen von Christiane Osann und Tobias Freude.

art is not expensiv

Alexander Efimov und Martin Oster bezeichnen das als methodische Verbindung von Concept- und Artstore, bzw. Kunst und Design. In dem Zusammenhang verwies mich Martin auf die Designabteilung in der Münchener Pinakothek der Moderne, die in ihrer Wirkung der vermeindlichen Erhabenheit zweckfreier Kunst in nichts nachsteht. Trotz meines Einwandes, dass den Designerstücken der Pinakothek durch die Überführung ins Historisch-Museale ja nun die, für die Kunst paradigmatische Zweckfreiheit zugestanden werden kann, muss ich aber zugeben, dass im postmodernen Kunstdiskurs, angesichts des Pluralismus der Kunstgattungen die Frage nach den Grenzen der Kunst weiter ungeklärt bleiben muss.

concept-store

Aber gerade deshalb ist Martins und Alexanders Neo-Gallery in ihren Ausstellungkonzepten nicht nur für das Friedberger Kulturleben, sondern ebenso für den zeitgenössischen Kunstdiskurs und seines kritischen Postulats des „anything goes“ eine Bereicherung. Als kunstafiner Betrachter, wie beiläufiger Konsument ist man in dieser Weihnachtsausstellung schließlich aufgefordert seine persönliche, vielleicht sogar allgemeine Grenze zwischen Kunst- und Kunsthandwerk zu untersuchen, die Linie zwischen spiritueller Erfahrung und profaner Nützlichkeit und ihren Überschneidungen

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neo Gallery

act lokal

Damit bietet das Erlebnis neo-Gallery viele Ebenen und Zugänge; als künstlerische (Über)Lebensstrategie ist es ein Gleichnis für den Versuch des Nebeneinander sich teils  widersprechender Interpretationen, Auffassungen und künstlerischen Haltungen, als Konsument ist es u.a. die Hinterfragung der Institutionentheorie (alle Werke einer Galerie oder eines Museums sind automatisch Kunst) und als Kunsterfahrung der Spagat zwischen Provinz- und Weltkunst. Global thinking – local acting.

 

 

 

 

Wasserburger Kunstausstellung 2017 Nachtrag Presse

Darüber warum ausgerechnet die umfassendste Berichterstattung über die Große Kunstausstellung 2017, die sich bei viel Lob auch kritisch äußert, nun dieses Jahr erstmalig nicht auf der AK68-Webseite gepostet wurde, darf spekuliert werden. Es scheint aber wenig wahrscheinlich, dass die Diskretion des neuen Vorstands und seiner Pressebeauftragten Zufall ist. Feichtners Rezension “Solide Kunst zum Jubiläum” macht das unseres Erachtens umso lesenswerter.

www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/solide-kunst-jubilaeum-8583975.html

Da man den Link oft nur als Abonnent öffen kann, posten wir den Artikel hier ausnahmsweise mal direkt.

Solide Kunst zum Jubiläum

Wasserburg – Zum 50. Mal gibt es die Große Wasserburger Kunstausstellung des Arbeitskreis 68.

von Raimund Feichtner | 10.08.2017

 

Ein Blick durch die Messingskulptur „Der Ring“ von Ute Lechner und Hans Thurner in die Ausstellung im großen Rathaussaal. Feichtner©OVB

Es ist ein Jubiläum,  das nicht besonders gefeiert wird, denn der 50. Geburtstag ist erst im nächsten Jahr. Aber die Tatsache, dass seit einem halben Jahrhundert moderne Kunst aus der Region und darüber hinaus in Wasserburg präsentiert wird, ist ein großer Verdienst aller Verantwortlichen der Wasserburger Künstlergemeinschaft. Die vergangenen Jahrzehnte waren dabei nicht immer spannungsfrei, auch das vergangene Jahr nicht. Kurz vor der Ausstellung hat sich der Vorstand in mehrheitlicher Abstimmung von seinem Kurator Stefan Scherer getrennt. Der langjährige Zweite Vorsitzende Wolfgang Janeczka ist daraufhin wegen der Vorgehensweise zurückgetreten. Der seit 2016 amtierende Erste Vorsitzende, Dominic Hausmann, will mit seinem Vorstand und seiner Jury auf größere Vielfalt und eine neue Ausrichtung setzen. „Durch die neue Zusammensetzung des Juroren teams, eine Mischung aus erfahrenen Künstlern und ‚Newcomern‘, kann der AK 68 dieses Jahr eine besonders abwechslungsreiche und anregende Palette zeitgenössischer Kunst bieten“ kündigte der AK 68 in seiner Pressemitteilung an.

Die fünf Juroren, Dominic Hausmann, Margret Kube, Gavan Mc Collough, Paul Mooney und Vera Moritz konnten heuer aus insgesamt 475 Exponaten, eingereicht von insgesamt 135 Künstlern aus Deutschland, Belgien und Österreich auswählen. Die Jury hat sich für 105 Werke aus der Malerei, Fotografie, Grafik und Bildhauerei von 78 Künstlerinnen und Künstlern entschieden. Die Frauen sind dabei mit 33 in der Minderzahl. Ob diese Palette „besonders abwechslungsreich und anregend“ ist, muss jeder Besucher wiederum für sich entscheiden. Für den Berichterstatter ist die Ausstellung eine gewohnt solide Schau professioneller, regionaler Gegenwartskunst, die in einem Zug mit der Jahresausstellung des Rosenheimer Kunstvereins genannt werden kann. Werke mehrerer Künstler sind wie in jedem Jahr in beiden Ausstellungen zu sehen. Allerdings erscheint, die Wasserburger Kunstausstellung in manch vergangenem Jahr experimentierfreudiger, gar avantgardistischer gewesen zu sein.

Ausstellung auf drei Häuser verteilt

Ausgestellt wird wie schon in den vergangenen Jahren an drei Plätzen: im Eingangsbereich des Rathauses und im alten und neuen Rathaussaal, in der Galerie des Vereins im Ganserhaus und im rückwärtigen Ausstellungsraum des Museums Wasserburg. Vor dem Rathaus weist die fast fünf Meter hohe „Cut-Out“-Stahlskulptur „Meeting II“ von Georg Mayerhanser aus Waldhausen bei Schnaitsee mit seinen Silhouetten sprechender Gesichter passend auf die Ausstellung hin. Drinnen darf über die Kunst diskutiert werden. Und hier trifft man im Eingangsraum gleich auf die erwähnenswerte Arbeit des zweiten Waldhausener Künstlers. Jorgen May erhielt für seine ausdrucksstarke, etwas überlebensgroße, weibliche, mit weißer Farbe verfremdeten Holzskulptur mit dem Titel „Schüchtern“ den mit 500 Euro dotierten Preis „Junge Kunst“. Erwähnenswert sind hier auch die großen Fotoarbeiten von Otto Schindler mit seinen sparsamen Arrangements auf geblümter Tapete.

Sparsam bestückt ist der kleine Rathaussaal. Die kleine Edelstahlplastik, ein an einer Ecke geöffneter Würfel von Haté Hirlinger, steht als Objekt konkreter Kunst in interessantem Gegensatz zu den alten gotischen Fresken, ebenso wie Hans Lindenmüllers kybernetisches Objekt „Portal 2017“, bei dem sich beim Näherkommen automatisch ein kleines Tor öffnet. Es ist heuer eines der wenigen Objekte in der Ausstellung. In den Raum integrieren sich besser die drei aus je einem Baumstamm gearbeiteten witzigen Holzschafe von Fritz Schmidt-Ortenburger.

Bestimmender künstlerischer Höhepunkt im großen Rathaussaal ist der glänzende aus Segmenten zusammengeschweißte Messingring von 230 Zentimeter Durchmesser von Ute Lechner und Hans Thurner. Das Objekt „Der Ring“ ist in einer zerbrechenden Welt Sinnbild der Schönheit und Vollkommenheit und gleichzeitig Aufforderung zur Gemeinsamkeit und Eintracht.

Gegenüber im Saal hat der Wasserburger Roland Hanisch das Bild eines großen, fliegenden Vogels durch seine Aufsplitterung in einzelne Segmente verfremdet. Dazwischen hängt meist ansprechende Kunst verschiedener zeitgenössischer Stilrichtungen: faszinierende Fotografien von Heinz-Martin Weiand, Fotorealistisches von Gerhard Prokop, Abstrakt-Dynamisches von Michael Bednarik, expressiv-abstrakte Akte von Marta Fischer und vieles mehr.

Die Fülle guter Arbeiten setzt sich in der Galerie im Ganserhaus fort. Entsprechend der Räumlichkeiten sind hier meist kleinere Formate ausgestellt, auch hier eine Mischung verschiedener zeitgenössischer Stile. Interessant, aber inhaltlich nicht unbedingt verständlich ist Uli Reiters Papierarbeit „Weg mit der Kohle – Manifest zur Abschaffung des Eigentums“. Da lässt sich „Das Kapital“ von Karl Marx besser verstehen. Ähnlich unverständlich, aber interessant ist Andreas Fischers Objekt „Micro-Cern“ aus Elektronikbauteilen, Schläuchen und Drähten. Reste hat auch Pepe Kremer für seinen gleichnamige abstrakte, Collagen hafte Fotografie verwendet. Große abstrahierte Landschaften voller Dynmail malt dagegen Monika Lehmann. Still sind Aldo Canins leise Landschaftsbilder, von denen gleich drei zu sehen sind. Etwas technisch und künstlerisch Neues präsentiert das Team „Color-A“. Ihr gehört der aus Wasserburg stammende Maler Johannes Klinger an. Sie entwickelten eine transparente, dreidimensionale, abstrakte Malerei mit eigenem Farbraum, die durchaus ihren Reiz hat.

Etwas verschenkt wurde der Kellerraum der Galerie. Hier tritt dem Besucher gleich beim Treppenende eine lebensgroße Skulptur einer nackten Frau aus Stahlblech von Thomas Hans gegenüber. Sie ist fast ein Pendant zur Skulptur von Jorgen May im Rathaus, füllt aber den Raum nicht.

Extra-Ausstellung der Juroren

Im Museum Wasserburg nun ist eine Extra-Ausstellung der Juroren. Sie haben sich eine größere Zahl von auszustellenden Arbeiten genehmigt, was aber die Gestaltung des Raumes nicht erleichterte. Dominic Hausmann zeigt vier kleine abstrakte Materialcollagen, Gavan McCullough durchaus interessante aus Farbfeldern zusammengesetzte Porträts, Margret Kube expressive, verwaschene Gemälde, Paul Mooney abstrakte Aquarelle und Studien mit Linien und Kreisen, und von Vera Moritz stammen Mädchen- und Frauengestalten, die von Modezeichnung beeinflusst scheinen oder diese karikieren. Ihr Bild „Home sweet home“ einer alten Stadt verweigert sich der Schönheit. Es ist durch einen großen grauen Balken nach oben begrenzt, Farbschlieren fließen von unten hinauf.

 

 

 

VENEDIG, 57. BIENNALE 2017 „VIVA ARTE VIVA“ IM SCHNELLDURCHLAUF

Ein  Marathon für die Kunst

von Gabriele Dräger

Deutscher Pavillon

Die Biennale ist die wichtigste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Christine Macel ist die Kuratorin der Biennale 2017 mit dem Motto „Viva Arte Viva“. Macel wurde 1969 in Paris geboren und ist Chefkuratorin im Centre Pompidou in Paris. Sie, die bekannt ist für ihre extravaganten Ausstellungen, erklärt: „In meinen Augen ist die Kunst ein autonomer Raum, eine zu verteidigende letzte Bastion der Freiheit.“ Im Arsenale und in den Giardini stellen 85 Nationen und im Zentralen Pavillon 120 internationale Künstler aus.

Arsenale

Beim Betreten der Arsenale ist man immer wieder von den dicken Mauern beeindruckt. Und dann beginnt die Ausstellung. Kinder haben Spaß mit den Würfeln aus Stäben von Rasheed Araeens, denn sie dürfen die Würfel neu ordnen und umbauen.

Nähgarnrollen in allen Farben von Lee Mingwei zeigen die Verbindung der Kommunikation in der Welt „Mending Project“. Hier kann man auch etwas reparieren oder eine Kleinigkeit sticken lassen. Die Assistentin Carla Adra aus Frankreich ist bereit, sie stickt ein Symbol auf ein Haarband. An der nächsten Installation von David Medalla „Stich in Time“ darf man etwas dazu hängen oder stellen, was immer Spaß macht, wenn die eigene Fantasie gefragt wird. Dann kommen kontrastreich die großen einfarbigen Stoffobjekte von Franz Erhard Walther aus Deutschland. Er erhielt den Goldenen Löwen für den besten Künstler der internationalen Ausstellung.

Franz Erhard Walthers

In das grob gewebte Schamanenzelt des Brasilianers Ernesto Neto und Huin Kuin darf man sich reinsetzen, man muss nur die Schuhe ausziehen. Wer mag, kann sich mit den Bongos in Trance spielen oder einfach nur die Blumentöpfe betrachten. Das Zelt soll an die Amazonas Indianer erinnern. Der Länderbeitrag Kosovo von Sislej Xhafa ist ein leerer Kiosk aus Holzpaletten mit der Aufschrift „Lost and Found“. Ein Besucher hat heimlich ein Papierschiffchen gegenüber des Telefons aufgestellt.

Die farbigen Wollknödel von der Amerikanerin Sheila Hicks sind ein 16 Meter langes, gewaltiges, leuchtendes Farbspiel. Pause, es ist Zeit für einen Espresso. Danach geht es mit einem Beitrag von den Philippinen mit gegenständlicher Malerei von Manuel Ocampo und einer Holzbank-Installation von Lani Maestro weiter. Mit seinem archaischen, brutalen und provokativen Malstil mit Punk und Comics kritisiert Manuel Ocampo Religion, Kolonialismus und Imperialismus. Chile zeigt mit unzähligen Masken auf Stäben von Bernardo Qyarzun, ein Mahnmal für die unterdrückten Ureinwohner in Chile.

Baernardo Qyarzun

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Uiiiiiii ARTURO!

Theaterspektakel am Gries in Wasserburg

von Gabriele Granzer

 

Um es vorweg zu nehmen: Uwe Bertrams Theaterspektakel ist sehenswert und beeindruckend und das in vielerlei Hinsicht … die Menge der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen beeindruckt mich und die Zirkusfamilie Frank … das Zirkuszelt, das Kindheitserinnerungen weckt und fast schmerzhaft nostalgisch anmutet … seit Jahren traue ich mich in keinen kleinen Zirkus mehr, weil mich die Erinnerungen an alte und vergangene Zirkuszeiten traurig stimmen … wohin ist der Zauber der Manege, der Clowns, der Tiere … the show must go on … zeig dein lachendes Gesicht … wie`s drinnen aussieht geht niemanden was an … la Strada und Akrobat schööööön … natürlich spielt Bertram damit und der nostalgische Zauber funktioniert …

Oben am Orchesterbalkon sitzt die Band um Georg Karger: Pit Holzapfel, Anno Kesting, Wolfgang Roth und Leonhard Schilde … eine großartige, wunderbare Band … zart, schmetternd, punktgenau, witzig und mackiemesserscharf … mehr an Band geht nicht … und diese Band immer wieder zu gewinnen, ist Bertrams Leistung … die Musiker wirken als spielten sie zum puren Vergnügen und Vergnügen bereitet es auch

.Dann geht es los, im Zeltdach schwebt schon eine Schöne und die Schauspieler kommen:

Die Kassiererin mit platinblonder Marilynfrisur entpuppt sich sexy, wie es hier mädchenhaft staunend und lasziv schreitend nur Regina Semmler kann, als böser Handlanger und Mörder, Hilmar Henjes, als Titelheld Arturo, dummdreist und eitel übt mit dem Kamel den würdigen Gang, spielt und singt wie immer treffsicher und wirkt neben den Stelzenriesen erstaunlich zwergenhaft , geschrumpft fast … immer hat man den Eindruck, dass er sich selbst am meisten über seinen Aufstieg wundert – ganz so, wie es BB wohl im Sinn hatte … niemand ahnt, dass dieser Gnom, mit offenem Hosenstall alle wegfegen wird … niemand – nicht mal er selbst und wir stehen heute wieder da und wundern uns was menschenmöglich ist …

Großartig und im Brechtschen Sinne verfremdet sind die Figuren, die symbolhaft für das Kapital, die Presse, die Politik stehen – Stelzengeher: allen voran die riesige, schmale Annett Segerer, gleichermaßen überirisch als Mann und Ehefrau, die zuerst anklagend, sich dann doch der Angst und dem Zeitgeist folgend dem Mörder ihres Mannes anheimstellt … beeindruckend und unvorstellbar scheint es, wie diese, im „normalen Leben“ junge Mutter, die morgens in der Stadt ihren Kaffee trinkt, hier zur Kaminoanerin aus StarWar III mutiert, eine Fähigkeit, die mir gerade bei ihr immer wieder unglaublich auffällt … fies und schleimig Frank Piotraschke, an Haarmann erinnernd, diesem Mann möchte keine im Dunkeln begegnen, die Härchen stellen sich auf und frau ist froh, nicht in Berlin zu leben … dann Andrea Merlau, deren Stimme Kapriolen macht, wie ein wildes Zirkuspferdchen und das auf doch recht hohen Stelzen … zierlich jungenhaft bleibt, selbst auf Stelzen und für mich immer unvergessen als Dänenprinz im Labyrinth … lange her „am Stoa“, auch oft sehr schön und beeindruckend (das zum Thema nostalgisches Nachsinnen) – Nik Mayr … und routiniert und sprachgewaltig. Wie gewohnt beeindruckt Susan Hecker … für mich auch eine Mutter Courage, eine Seeräuber Jenny … und da sind wir bei der Frage gelandet, die mich das ganze Stück beschäftigte: warum entschied sich Bertram ausgerechnet für diesen sperrigen und sprechlastigen Arturo Ui … eine politische Wahl? … damit wäre er in guter, zumindest in aktueller Gesellschaft, man denke nur an die letzten Inszenierungen der Kammerspiele, an die Documenta, die Biennale … eine Hinwendung der Kunst zur Politik zeigt sich, manchmal vielleicht sogar auf Kosten der Ästhetik, der Kunst als eigenständiger Ausdrucksform … eine Vernachlässigung der Ästhetik kann man Uwe Bertram nicht vorwerfen, im gelingt der Spagat … er ist ja ohnehin eher dafür bekannt, auch mal „gegen den Strich zu bürsten“.


Vielleicht will er uns aber einfach auch nur zeigen, dass das ganze Leben ein Zirkus ist und wir alle Kamele!

Apropos Kamele, diese sanften, schönen Riesenwesen schreiten weich und kuschelfellig durch die Manege, als wären sie dafür geboren und wecken bei allen blankes Entzücken … der weißhaarige Zirkusdirektor, ganz archetypisch im vollen Ornat führt sie … und da wären wir wieder bei der schmerzhaften Nostalgie, die kaum zu ertragen ist … die jungen Artistinnen aber, die Töchter wohl, zeigen selbstbewusst und strahlend ihre luftige Akrobatik und hängen hoch oben und irdisch sexy im Zelthimmel mit der Selbstverständlichkeit einer verkörperten Tradition, die auch der junge Artistensohn, ein Augenschmaus, kraftvoll und im letzten Bild souverän zeigt: das Leben als ein äquilibristisches Tellerspiel … und alle Teller wackeln, keiner fällt … wie schön! … Arturo muss mithelfen … wie bedenklich!

Bertram stellt Schauspieler und Artisten collagehaft nebeneinander … als erfahrener Theatermann hat er wohl bewusst der Versuchung widerstanden, Zirkus und Schauspiel zu verbinden … so nach dem Motto: im Zirkus wird ein Stück aufgeführt … am großen Vorbild von Peter Weiss „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ … wollt er sich nicht orientieren….auch nicht an Rosenmüllers „Sommer der Gaukler“ … möglich wäre es gewesen und gefallen hätte es mir auch … gern hätte ich auch die Dreigroschenoper gesehen oder die Mutter Courage …

Zuletzt treffen sich alle – Artistinnen und Musiker und Schauspieler, Hand in Hand, gehen im Kreis der Arena – ein schönes, versöhnliches, beeindruckendes Bild – so wünschte ich mir die Völkerfamilie – das uns zu anhaltendem Applaus inspiriert und mittendrin nochmal eine archetypische Mutter Courage, die Mutter der Kompanie, stolz und schön, Frau Frank.

So aber freu ich mich, dass hier „nach oben noch Luft“ ist … und dass diese Lieblingsstücke aufgeführt im Zirkus Boldini vielleicht noch kommen werden …

Wie auch immer … mehr kann an Gedanken- und Sinnenfutter in einer Sommernacht und einer Kleinstadt nicht geboten werden …

Wie sagt der Meister BB im Lied über die guten Leute?

Die guten Leute erkennt man daran
Dass sie besser werden
Wenn man sie erkennt…..

Gleichzeitig aber
Verbessern sie den, der sie ansieht und den
Sie ansehen….

Moral: Wasserburger,…wir sind privilegiert und dieses Privileg muss durch Interesse und Penunze verdient werden!

 

DOCUMENTA IM SCHNELLDURCHLAUF

14. Documenta in Kassel vom 8. April bis 17 . September

von Gabriele Dräger

Auf der Fahrt mit dem Taxi vom Bahnhof zum Hotel kommt man an der mit Jutesäcken verhüllten Torwache vorbei. Diese Installation hat der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama entworfen.

FRIEDERICHSPLATZ

Daniel Knorr lässt Dampf aus dem Zwehrenturm aufsteigen. Nein, es wird kein Papst gewählt und nein, es brennt auch nicht oben im Turm. Am Anfang haben vorsorgliche Bürger die Feuerwehr angerufen. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es ein Kunstwerk ist.

Die Hauptattraktionen in Kassel ist der „Parthenon der Bücher“ von Marta Miniujin, der gleich auf dem Friedrichsplatz vor dem Fridericianum steht. Er ist im Maßstab 1 zu 1 der Akropolis nachgebaut. Die Plastikfolien umwickelten Säulen sind mit „verbotenen“ Büchern gefüllt. Es sind noch nicht alle Säulen mit Büchern bestückt, man kann noch Bücher abgeben.

In die gelbe Röhren-Installation von Hiwa K auf dem Friedrichsplatz möchte man am liebsten gleich hineinklettern und sich fotografieren lassen, es ist aber verboten. Die Badezimmerröhre ist mit Kernseife und Wurzelbürsten gefliest

KARLSAUEN

Die 1,5 Quadratkilometern großen Flächen der Karlsauen sind ziemlich kunstlos gestaltet. „Die „Mühle des Blutes“ von Antonio Vega Macotela steht vor der Orangerie in der Aue. Diese hölzerne Zahnräder Installation symbolisiert die Silbermünzenprägemaschinen, die von Spanier in südamerikanischen Ländern aufgestellt und von Sklaven betrieben wurden. Die großen Wiesen werden von den Besuchern zum Relaxen und Entspannen genutzt. Ein bisschen versteckt steht ein gelbes Holzgestell von Olaf Holzapfel, das verführt natürlich Kinder zum Draufrumklettern. Ein namenloser Künstler hat die Situation der Leere der Karlsaue genutzt und hat mehrere Fotos eines hellblauen Pudels mit Metallspießen in der Wiese befestigt.

ORANGERIE

Sehr ergreifend und auch entspannend sind die Byzantinischen Gesänge im Westflügel der Orangerie. Die Videoarbeit „Byzantion“ hat der in Wiesbaden geborene Künstler Romuald Karmakar geschaffen. Er hat in einer christlich-orthodoxe Kirche Geistliche in Athen und Karelien gefilmt, die den Marien-Hymnus Agni Parthene (Reine Jungfrau) in Griechisch und in der Liturgiesprache Kirchenslawisch singen. Auch sehr genussvoll ist ein Eiskaffee im Café und Restaurant der Schloss Orangerie. Dann geht es unzählige Stufen zur Neuen Galerie hinauf. „DOCUMENTA IM SCHNELLDURCHLAUF“ weiterlesen

KUNST IST HIER NICHT GANZ SO DRINGLICH

Leserbrief an die Kulturredaktion des OVB, Raimund Feichtner # Jahresausstellung „Kunst aktuell 2017“ des Rosenheimer Kunstvereins

Von Stefan Scherer

 

Jahresausstellung „Kunst aktuell 2017“ des Kunstvereins Rosenheim in der Städtischen Galerie Rosenheim. Abb.v.r.n.l: Cornelius Volkerts „Zeitungsstapel“, Peter Pohl „Insekt“, Stefan Scherer „CatMix“

 

 Sehr geehrter Herr Raimund Feichtner,

zunächst möchte ich Ihnen versichern, dass sich Ihre Ausstellungsbesprechungen m. E. deutlich abheben vom stellenweise flachen, nicht selten wohlmeinend einebnenden Aufzählungsjournalismus anderer Ihrer Kollegen und Kolleginnen.

Diese, an sich angenehme Abweichung findet aber ihren Preis im bisweilen quengeligen Grundton Ihrer Rezensionen. Als Künstler und Kurator verfolge ich nun seit Jahren Ihre Ausstellungsbesprechungen, in denen Sie sich hin und wieder mit vagen Formulierungen über mangelndes soziales oder politisches Engagement durch Ihre Artikel grummeln.

Auch in Ihrer aktuellen Besprechung der Jahresausstellung „Kunst Aktuell 2017“ des Kunstvereins Rosenheim verzichten Sie nicht darauf. Diesmal sekundiert von der 1. Vorsitzenden des Kunstvereins Frau Elisabeth Mehrle, die in ihrer Eröffnungsrede über die Dringlichkeit von Kunst als Mittel zur Anprangerung politischer Probleme spricht. Das Ganze gerät dann aber im bedeutungszerfleddernden Titel Ihrer Rezension: „Kunst ist hier nicht ganz so dringlich“ ein wenig aus den Fugen.

Zu was soll uns Kunst denn drängen, zu einer Art moralischer Gymnastik? Und welches „hier“ ist gemeint, die Galerie etwa oder ein artifizielles Gewissen als Ort der Empörungsillustrationen und Betroffenheitsgesten; oder besser noch, ein (Kunst)Raum in dem wir für die Opfer unseres parasitären Wohlstands unterhaltsam-ästhetische Allegorien finden?

Es scheint, als müsse sich Ihr Kunstbegriff in weltklagenden Erzählungen, heftig illustriertem Zeitgeschehen und heilsversprechenden Metaphern beweisen, nicht etwa im Ästhetischen selbst, auf dessen Oberfläche sich alle Freiheiten finden lassen zu denen Künstler fähig sind.

Umso wichtiger ist es mir daran zu erinnern, dass wir seit der Aufklärung von der Bedeutungsoffenheit von Kunstwerken sprechen. Zu nichts anderem sollte man die Kunst dringlich machen. Sie endet sonst als Ort der dringenden Bedürfnisse.

Stefan Scherer | 22.06.2017 

zum Artikel

https://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/kunst-hier-nicht-ganz-dringlich-8409198.html