B S W SONDERZEICHEN

Yvonne Bosl | Christian Schied | Bernd Weber

AK68 Galerie im Ganserhaus | Wasserburg/Inn

18.02.2017 – 19.03.2017

BSW das sind die Initialen von Yvonne Bosl, Christian Schied und Bernd Weber in deren Kosmos der „Sonderzeichen“. BSW klingt unterkühlt, eher wie eine Firma oder ein Industrieprodukt. Bei Wikipedia findet man sogar einen Bonusclub, ein deutsches Kundenbindungsprogramm. Das fand ich gut. Das wollte ich auch. In erster Linie ist dieses Kürzel aber Ausdruck der künstlerischen Haltung der Künstlerin Yvonne Bosl und ihrer Kollegen Christian Schied und Bernd Weber, die sich durch diesen bewussten Verzicht auf künstlerische Individualität in den Dienst der Gruppe BSW und seiner Ausstellungenkonzepte stellen.

Was aber ist dieses Ausstellungskonzept, wie zeigt es sich und was bedeutet es für das Ganserhaus und seine Räume im Besonderen? Zunächst erscheinen in diesem Sonderzeichenuniversum, das des Ganserhauses bemächtigt eine Fülle bemalter Quadrate, Rechtecke, Kreise und Punkte. Das ist profan ausgedrückt und könnte mir als Respektlosigkeit ausgelegt werden, angesichts der Kunstwerke, die zwar seriell erscheinen aber für sich genommen doch alles einzelne Originale aus Künstlerhand sind mit dem ganzen Mythos, vielleicht sogar Fetischismus mit dem Kunstwerke konsumiert werden können.

So wähnt man sich denn auch noch im Eingangsbereich in einer konventionellen Ausstellung, in der sich diese Einzelwerke hintereinander wahrnehmen und feiern lassen. Aber schon in den darauffolgenden Räumen scheinen sich die Formate in ihre Einzelteile aufzulösen um in separte Zeichen oder besser Sonderzeichen zu zerfallen. Allerdings hat dieser Zersetzungsprozess eine dermassene Ordnung, dass er – als die Summe seiner Einzelteile – von hier bis in den übernächsten Raum, wie ein Großformat gesehen werden kann. Und dieses Staccato der aneinandergereihten Rechtecke und Farbflächen beeinflusst nun das ganze Erdgeschoss. Damit erweitert sich diese, von mir im übertragenen Sinne als Großformat bezeichnete Arbeit zu einer raumgreifenden Installation und setzt jeden Quadratzentimeter seiner Umgebung in einen künstlerischen Kontext. Eben diesen Kontext, diese Beziehungsstruktur, diese spezielle Wirkung von „Kunst im Kontext“ war mir kuratorisch ein besonderes Anliegen, weil aus ihr auch vom „normalen“ Besucher viel inspirative Kraft geschöpft werden kann. 

Von Bernd Weber gibts dazu ein kleines, erhellendes Bonmot aus einem  Gespräch über die Münchner Museumszene. Er fragte mich während des Aufbaus augenzwinkernd: „Wissen die im Museum Brandhorst eigentlich, dass ihre Bänke Kunst sind?“ In der ersten Sekunde war ich irritiert, in der zweiten erinnerte ich mich, dass ich es mit einem Kollegen zu tun hatte und mir war klar, was er meinte. Wie Bernd empfinde auch ich in guten Ausstellung nicht nur die Arbeiten selbst, sondern jedes Details des Raums, jedes beliebige Möbel, jede Tür und jedes Fenster, als Bestandteil der Ausstellung, einschließlich der umherlaufenden Besucher. Wenn es einem gelingt diese Details des Ausstellungsgeschehens aller Deutungen, Interpretation und Nützlichkeiten zu berauben und die Welt in ihrer ganzen Urprünglichkeit nur als reine Form wahrzunehmen, werden die Bänke im Brandhorst zu geometrischen Quadern, die Kunstwerke zu vertikalen Zeichen und die Besucher zu sich unablässig neu sortierenden Konturen im Inneren eines rechteckigen Kubus. Versuchen wir das nun in unserer Ausstellung „Sonderzeichen“ und der Installation hier im Erdgeschoss, ist der Bucheinband von Casagrandes Katalog in unserer Bibliothek und die Weintraube auf dem Bufett von ähnlicher, wenn nicht von gleicher Bedeutung für diese Ausstellung, wie die im Atelier der Künstler entstanden Arbeiten gegenüber. Das entwertet nun aber nicht, wie man vermuten könnte das einzelne Kunstwerk, sondern ist im Gegenteil vielmehr Ausdruck seiner Ausstrahlung und Wirksamkeit, wie die der Sonne, der es egal ist, ob sie eine Mülltonne, eine Blumenwiese oder meinen Geist vergoldet. So hoffe ich denn auch, dass sie sich spätestens ab jetzt – erst aufs Bufett stürzen, nachdem sie den künstlerischen Kontext ihres Lachsbrötchens überprüft haben. Ich meine das ganz ernst. Sie würden eine Ahnung davon bekommen, wie Künstler ticken insbesondere unsere BSWs.

Auch die Kunstbatterie, die in unserem Galerieraum über zwei Stockwerke hinweg installiert ist, unterstürzt diese kontextuelle Wirkung der Ausstellungsräume. Wie in einer Batterie, deren Lamellen im Säurebad hängen, sortieren sich die großformatigen, rechtwinklig zum Fenster gehängten Farbtafeln so eng nebeinander, dass sie das durch sie strömende Licht gerade mal als farbige Reflexe, als Abstrahlung in Rot, Grün oder Gelb hindurchlassen. Und so bekommt man auch nur in etwa eine Ahnung, wie sich die Bilder anfühlen würden, hingen sie in der gewohnten Museumperperspektive. Ich persönlich empfinde diese Batterie aber auch als Hinterfragung tradierter Sehgewohnheiten und ein ganz kleines bisschen ebenso als Ironisierung fetischistischer Sammlerwut..

Im ersten Stock gleich bei der Treppe begegnet man Christian Schieds Paravan; ein Eckbild, – oder genauer gesagt – eine über die Ecke gehängte Installation aus in Farbe und Größe unterschiedlichen Farbtafeln. Das gibt mir jetzt Gelegenheit auf den einzelnen Künstler einzugehen, trotz der erklärten Gruppenidendität der BSW, bzw. der Künstler und Künstlerinnen dieser Ausstellung. Christian Schied lebt in Murnau, war Ende der achziger Meisterschüler von Prof. Hollmann auf der Kunstakademie München und entwickelte seit dem seine Malerei- und Ausstellungskonzepte und ab 2007 vor allem in der Zusammenarbeit mit Yvonne Bosl und Bernd Weber. Über seine Arbeitsweise fand ich Folgendes: „Ausgehend von einem linearen Modulsystem werden quadratische Bildobjekte strukturiert, die darin eingeschriebenen Formen gesteigert, verändert oder verdeckt. Die malerische Fläche wechselt zwischen expressiver Farbigkeit und reduziertem Hell/Dunkel, positive und negative Formen ergeben ein rhythmisiertes Bildgeflecht.“ Diese sich in unsere Ausstellung stets wiederholenden Bildgeflechte, oder die Module von denen eben die Rede war – ist Christans Schieds unübersehbarer Beitrag in dieser Ausstellung.

In unmittelbarer nähe zu Christians Eckbild befindet sich zwei Bodenobjekte, blau und grünpastelig und so papiernern-eckig, als kämen sie aus aus dem Origamikurs der Laystrigonen – das sind die felsbrockenwerfenden Riesen aus Odyssee – ein ebensolches, gelbgrünes konkretes Objekt, diesmal geöffnet und mit Schanieren befindet sich in unserem großen Raum zu Strasse hin. Manchmal erlaube ich mir solche Assoziationen, quasi als Sprachbild ohne aber wirklich eine Erzählung herstellen zu wollen. Ganz im Gegenteil verweisen die Oberflächen dieser Ausstellung ja auch viel mehr auf konkrete Kunst, die alles symbolhafte vermeidet und grundsätzlich davon ausgeht, dass Bilder ausschließlich aus Flächen und Farben zu bestehen haben und keine andere Bedeutung besitzen als sich selbst. In meinen Vorgespächen mit den Künstlern von BSW hab ich mir deswegen auch extra die Erlaubnis zu möglichen Verweisen, Assoziation und überbordenden Phantasien abgeholt. Bernd Weber, Jahrgang 58, der Schöpfer dieser Objekte und das W von BSW, war ebenfalls Meisterschüler bei Professor Hollmann und ist, wenn man so will der Bildhauer in der Gruppe, mehrfach preisgekrönt, unter anderem gemeinsam mit Christian Schied für Kunst am Bau in der Anatomie der LMU München.

Sein größtes und so unübersehbar, wie unüberwindliches Objekt hat er in den kleinen Nebenraum des Vorderhauses im ersten Stock gepreizt. Ein Tor mit mehreren Durchgängen, das den ganzen Raum zum begehbaren Bild macht und u.a. ganz wunderbar korrespondiert mit den schwarzen Panellen von Christian Schied im grossen Raum daneben so, als wäre es eine 3D Fassung dieser im ganzen Haus verteilten schmalen Farbtafeln. Diese schwarzen Panellen von Christian provozierten übrigens den erste Kontakt des AK68 mit BSW. Sie hingen schon 2016 im Rathaus anlässlich der Grossen Kunstausstellung und wir fanden sie so inspirierend, dass wir sehr schnell eine Ausstellung mit der Künstlergruppe BSW vereinbarten.

Komplett in all seinen Variablen wird diese Austellung aber erst durch die Drucke von Yvonne Bosl. Yvonne Bosl, die ungefähr zur selben Zeit – mit einer kleinen Uberschneidung – bei Prof. Hollman studierte, wie ihre Kollegen Schied und Weber, bereichert das Ausstellungskonzept der zeichenhaften Module mit kleinformatigen, ebenso wie mit raumgreifenden Druckereien. So deutet sie unseren Durchgangsraum im 1. Stock in ein Enviroment aus roten Dreiecken um und relativiert damit vollständig die Referenzen dieses Verkehrsraumes. Gleichzeitig erleichtern Yvonnes Drucke so unprätentiös, wie beiläufig in schlichten Formen und leicht fragmentarischen Abdrücken die teils schweren Objekte ihrer Kollegen. Das ergibt in dieser rhytmischen Hängung, die ausschliesslich von den Künstlern vorgenommen wurde, ein fast musikalisches Erlebniss; laut und leise, schnell und langsam und ab und zu eine Pause. Diese Pause gibt es auch jetzt gleich für meine geneigten Zuhörer. Vorher müssen wir aber noch in den Keller, an den Pool oder besser den Brainpool der Künstlergruppe BSW.

Da breiten sich über die ganze Bodenfläche des Gewölbekellers großformatige Leinwände aus, ordentlich verteilt und gestappelt aber doch in einer Art schwimmender Verlegung und an der Seite hängt ein Leuchtkasten, wie eine Firmenbeschriftung und so anonym und distanziert, als hinge sie im Depot eines Industriebetriebes. Das ganze sieht aus wie ein Lager und trotz meiner Bemühungen Symbole und Erzählungen zu vermeiden, wirkt dieser Pool auf mich wie die Metapher des materiellen und geistig-kreativen Fundus der BSWs. Zu Füßen des Betrachters breiten sich hier die leuchtenden Module ihrer Konzepte und Ausstellungen aus, die Versatzstücke und Zeichen ihres künstlerischen Vokabulars, mit denen sie gerade unsere, ein wenig kleinteilig-schrullige Galerie im Ganserhaus besetzen.

Trotz der Fülle der Objekte vermitteln die Sonderzeichen dieser Ausstellung aber eine Klarheit und Stringenz, die wir in dieser, bis unters Dach reichende Konsequenz nur sehr selten erleben konnten. Gerade in Zeiten der Stimmungen und Affekte, der intuitiven Einsichten und des Postfaktischenden ist die Tranzparenz und Plastizität dieser Ausstellung und seiner eindeutigen Objekte, die ja nichts anderes sein wollen, als sie sind, keine Illusion generieren und keine Geschichten erzählen wollen, eine reale Wohltat, eine wahre Erfrischung, zugleich aber ein Ordnungsruf, eine Aufforderung zu ästhetischer und intellektueller Klarheit durch gewissenhafte Wahrnehmung. Denn auch in der Leere zwischen diesen Zeichen, in ihrem Zwischenraum liegt eine ganze Welt, das Reich der Träume und Assoziationen, der Visionen und Wünsche bis zum nächsten Sonderzeichen, das nichts weiter will, als in der Realität des Vorhandenen gesehen und wahrgenommen zu werden, als bemalte Fläche oder Zäsur auf einer weissen Wand.

Würde wir nun Alle und zu jeder Zeit diese beiden Sphären wahrnehmen, bedenken, begreifen und vor allem unterscheiden können, sowie die Künstler von BSW, Yvonne Bosl, Christian Schied und Bernd Weber das mit ihren Sonderzeichen auf das Ästhetischste zeigen, wäre unsere Welt, da bin ich sicher, einen schönen Schritt weiter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Antwort auf „B S W SONDERZEICHEN“

  1. Was für eine schöne Ausstellung. So frisch, so klar, so spannend, so gelungen korrespondierend mit den einzelnen Räumen und dem gesamten Gebäude; ein richtiges Gesamtkunstwerk.
    Und man kann so schön erleben, was die Farben machen; und was Farben und Formen zusammen machen. Toll, einfach toll!

    Petra Schwaerzel

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