WASSERBURGER KUNSTVEREIN AK68

Vom Kunstverein zum KultuRKlub

 

 

Wer sich in letzter Zeit nur ein wenig mit der Wasserburger Künstlergemeinschaft AK68 beschäftigt hat, darf sich die Augen reiben, angesichts eines Artikels des hiesigen Lokalblattes https://www.ovb-online.de/rosenheim/wasserburg/gute-zahlen-neue-ideen-9839219.html, der die insgesamt vier Vorstandsrücktritte als die Folge simpler Streitereien beschreibt, – wohl bemerkt, nicht etwa ernsthafter Auseinandersetzungen. Die irritierenden Demissionen des ehemaligen 1. Vorsitzenden, sowie eines Sponsors und Kunstpreisstifters fielen im Bericht gleich ganz unter den Redaktionstisch.

Im selben Stil wird die Kritik am Verzicht auf Kunstvermittlung durch Vorträge und Kuratoren als „Anfeindungen einer kleinen Gruppe“ marginalisiert. Das alles vor dem Hintergrund sich zurückziehender Sponsoren wie Meggle und den zunehmend beunruhigten Rotarieren samt einer anhängigen Klage vor dem Rosenheimer Amtsgericht. „Spürbar besseres Klima“ berichtet die Autorin unerschüttert weiter, will sagen: Alles in Butter auch ohne Meggle!

Derweil schickt sich der neue Vorstand des Arbeitskreises 68 an, als Wasserburgs einzige Institution für zeitgenössische Kunst nun die Grenzen zwischen Bildender Kunst und kreativer Selbstverwirklichung im Ansturm boomender Amateure einzuebnen.

Die Folgen dieses populistischen Unternehmens sind eine nicht nur außerordentlich gut besuchte Mitgliederversammlung der Symphatisanten dieser Strategie, die jeden Diskurs über die skandalösen Rücktritte und Rauswürfe im Konsenspathos absaufen lässt, sondern ebenso der für Wasserburg bedauerlichen Transformation einer traditionsreichen Künstlergemeinschaft in einen Kulturverein der Kreativen. „WASSERBURGER KUNSTVEREIN AK68“ weiterlesen

REPRODUKTION

Mitgliederausstellung 2017 des Wasserburger AK68 – Galerie im Ganserhaus

 

Gabriele Granzer „mausetod“

Die gut besuchte Vernissage der 49sten Mitgliederausstellung des Wasserburger Kunstvereins AK68 verströmte erst einmal viel vorweihnachtliche Atmosphäre. Aus nasskaltem Schmuddelwetter in warme Räume einkehren zu können, schafft an sich schon Wohlbehagen und Konsens. So konnten auch die, wie üblich auf Vernissagen nicht wirklich zu rezipierenden Kunstwerke, durch kritische oder provozierende Positionen das Bild einer harmonischen Veranstaltung nicht trüben. Höhepunkt der Vernissage war denn auch der Auftritt des Nikolauses, in Person des viel gebuchten Ex- Stadtrats Peter Stenger, sekundiert von der rührigen 2. Vorsitzenden Katrin Meindl, die mit großer Spielfreude knurrend und fauchend in ihrer Rolle als Krampus aufzugehen schien.

Es folgten Lob und Tadel. Lob galt dem Vorstand, insbesondere seinem früh fertiggestellten Jahresprogramm 2018, augenzwinkernder Tadel dem sporadisch losen Mundwerk des Manuel Michaelis, nach dessen Konzept und Themenvorschlag „Reproduktion“ die Mitgliederausstellung dieses Jahr gestaltet wurde. Zum Schluss konnten es sich die Ghostwrighter des goldenen Buches nicht verkneifen, ihren Ärger über „die hinterhältige Kritik in Presse und Blogs“ durch den aufrichtig bemühten Nikolaus verkünden zu lassen. Mit Krampussin Meindls finalem Fauchen-Fuchteln-Rutenschwingen war damit auch dem letzten Besucher klar, dass er in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, im Auge der Provinz, im Zentrum von Provinzialität. Man konnte mühelos vergessen, dass man sich auf der Vernissage eines Kunstvereins befand und nicht etwa auf der Weihnachtsfeier eines Autohauses.

An einem stillen nachweihnachtlichen Sonntag besuchte ich die Ausstellung noch einmal, wie zu erwarten in menschenleeren Räumen. Das ist bedauerlich, handelt es sich doch mit dem Thema „Reproduktion“ um ein – eigentlich – interessantes Sujet. Nun kann niemand dem renommierten AK68 einen Vorwurf machen und auch nicht der per se oberflächlichen Berichterstattung der regionalen Presse, dass sich die Besucherzahlen der regionalen Kunstvereine in so einem krassen Gegensatz zum populären Run auf die Sonderausstellungen und Hype-Events der Metropolen befinden. Die Provinz ist nur in Ausnahmefällen in der Lage Kultur- und Bildungserlebnisse als Spektakel glamourös-trojanischer Pferde zu präsentieren.

Um aber wenigstens dem Vorurteil des Provinziellen zu entgehen, sollte man zumindest die schlimmsten Fehler vermeiden, wie etwa die wirren Thesen im Konzept der diesjährigen Mitgliederausstellung des AK68.

Marcel Duchamp „Fountain“

Schon zu Beginn lässt der Spiritus Rektor des Entwurfs, Manuels Michaelis in seinem Expose die (Kunst)Begriffe gründlich verdampfen. Klassische Veduten- und Porträtmalereien werden als „Darstellungen, in reproduzierender Weise“ (Michaelis) definiert und „die Reproduktion des Gesehenen“ als „Grundlage der künstlerischen Interpretation“ (Michaelis) gedeutet. Das ist kunsttheoretisch und wahrnehmungspsychologisch einfach Käse. Dabei hätte doch ein einziger Blick auf Wikipedia genügt: “In der Kunst steht der Begriff Reproduktion für die Wiederholung eines Kunstwerkes in originaler Technik, wenn die künstlerische Technik das vorsieht (Druckgrafik, Kunstguss) oder übertragener Technik (Kunstdruck), handgemalte und detailgetreue Kopie eines Ölgemäldes etc.). Bei Reproduktionen, bei denen jedes Stück als Werk gilt, – nicht als Kunstwerk – spricht man von Auflage einer Reproduktion.“ In dieser Definition zeigt sich der deutliche Gegensatz zur klassischen Herstellung von Kunstwerken. So abstrahieren und materialisieren Künstler, selbst Kunsthandwerker ihre Wahrnehmungserlebnisse in einem singulären Akt, den „Rekonstruktionen“ eines bereits im Wahrnehmungsprozess interpretierenden Gehirns. Erst in der Folge dieses Produktes ist die Reproduktion möglich. Die primäre künstlerische Leistung aber ist niemals reproduzierend, selbst wenn sie wie Duchamp die industrielle Reproduktion eines Urinals zum Kunstwerk erklärt. Der künstlerische Akt ist hier nicht die Reproduktion, sondern die kognitive Leistung ihrer Umdeutung in ein Kunstwerk. „REPRODUKTION“ weiterlesen

NEO GALLERY

Ein Abend im Friedberger Concept-Store von Martin Oster und Alexander Efimov

 

Martin Oster, Alexander Efimov

Wir sind in Friedberg, Friedberg bei Augsburg, genauer auf dem Friedberger Berg. Auf der Anhöhe beleuchten die Schaufenster zweier ledbestrahlter Räume eine Menschenmenge. In der ansonsten menschenleeren Straße wirkt das wie ein Flashmob oder eine Demonstration.

Lieber Friedberg als Berlin

Das Licht kommt aus Martin Osters und Alexanders Efimovs neo Gallery und ihrer Showrooms und erhellt nicht nur die Menge auf der Straße, sondern auch eine Kulturszene an der Peripherie der Großstadt Augsburg und – was vielleicht noch interessanter ist – die Strategie, sich abseits vom Großstadt-Hype – als Künstler, Kunstvermittler und -vermarkter zu etablieren und vor allem zu überleben.

                                                       you are art – art is not expensiv

Lieber Friedberg als Berlin“ titelte die „Augsburger Allgemeine“ anlässlich des Galerie-Openings im Sommer. Martin Osters programmatischer Satz ist dabei so beschwörend wie appellierend. Denn was könnte der Friedberger Kulturszene Besseres passieren, als dass sich junge Künstler auf das Abenteuer Provinz einlassen mit allen seinen existenziellen Risiken, die Provinz Ihnen aber wiederum Arbeits- und Lebensmöglichkeiten bietet, die in den Metropolen einfach nicht zu finanzieren wären.

Ich kenne Martin noch von seiner Ausstellung im AK68/Galerie im Ganserhaus 2012 in Wasserburg am Inn, deren Kurator ich in dieser Zeit war. Mit der Videoinstallation „realartificial 2.0“ schuf er damals in den Gewölben des mittelalterlichen Ganserhauses eine spektakuläre Videoinstallation, in der er nicht nur die Bilder und Videos entwickelte, sondern ebenso deren Sounds und Musiken.

Nach Ausstellungen in Rosenheim und Salzburg ließ sich das unruhige Multitalent, Magister Artium Martin Oster aber nicht aufhalten und landet 2014 schließlich in den Ateliers des Augsburger Kulturpark-West. Von da aus und bis zum Friedberger Weihnachtsprogramm der Neo-Gallery 2017 war der Weg zwar noch nicht absehbar, am Ende aber schlüssig und in gewisser Weise sogar beispielhaft für künstlerische Überlebensstrategien im „so-called postmodern“.

Dominik Schuhmacher

Was Martin Oster und Alexander Efimov in ihrem weihnachtlichen Galeriekonzept aber nun zusammen- oder nebeneinanderbringen, stellt für den traditionellen Galeriebesucher eine Herausforderung dar. Da zerfließen, trotz Trennung durch die zwei Ausstellungsräume der Galerie, die Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Im einen Raum begegnet man hiphopigen Baseballcaps von Lou-i, Designerschmuck von Sandra Kickstein, Eva Ullrich und Ace of Beads. Der zweite, ca. gleichgroße Raum zeigt Malereien und Graphiken von Markus Maag, Dominik Schuhmacher, Paul Ritzl, Martin Oster und mir sowie Skulpturen von Christiane Osann und Tobias Freude.

art is not expensiv

Alexander Efimov und Martin Oster bezeichnen das als methodische Verbindung von Concept- und Artstore, bzw. Kunst und Design. In dem Zusammenhang verwies mich Martin auf die Designabteilung in der Münchener Pinakothek der Moderne, die in ihrer Wirkung der vermeindlichen Erhabenheit zweckfreier Kunst in nichts nachsteht. Trotz meines Einwandes, dass den Designerstücken der Pinakothek durch die Überführung ins Historisch-Museale ja nun die, für die Kunst paradigmatische Zweckfreiheit zugestanden werden kann, muss ich aber zugeben, dass im postmodernen Kunstdiskurs, angesichts des Pluralismus der Kunstgattungen die Frage nach den Grenzen der Kunst weiter ungeklärt bleiben muss.

concept-store

Aber gerade deshalb ist Martins und Alexanders Neo-Gallery in ihren Ausstellungkonzepten nicht nur für das Friedberger Kulturleben, sondern ebenso für den zeitgenössischen Kunstdiskurs und seines kritischen Postulats des „anything goes“ eine Bereicherung. Als kunstafiner Betrachter, wie beiläufiger Konsument ist man in dieser Weihnachtsausstellung schließlich aufgefordert seine persönliche, vielleicht sogar allgemeine Grenze zwischen Kunst- und Kunsthandwerk zu untersuchen, die Linie zwischen spiritueller Erfahrung und profaner Nützlichkeit und ihren Überschneidungen

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neo Gallery

act lokal

Damit bietet das Erlebnis neo-Gallery viele Ebenen und Zugänge; als künstlerische (Über)Lebensstrategie ist es ein Gleichnis für den Versuch des Nebeneinander sich teils  widersprechender Interpretationen, Auffassungen und künstlerischen Haltungen, als Konsument ist es u.a. die Hinterfragung der Institutionentheorie (alle Werke einer Galerie oder eines Museums sind automatisch Kunst) und als Kunsterfahrung der Spagat zwischen Provinz- und Weltkunst. Global thinking – local acting.

 

 

 

 

Wasserburger Kunstausstellung 2017 Nachtrag Presse

Darüber warum ausgerechnet die umfassendste Berichterstattung über die Große Kunstausstellung 2017, die sich bei viel Lob auch kritisch äußert, nun dieses Jahr erstmalig nicht auf der AK68-Webseite gepostet wurde, darf spekuliert werden. Es scheint aber wenig wahrscheinlich, dass die Diskretion des neuen Vorstands und seiner Pressebeauftragten Zufall ist. Feichtners Rezension “Solide Kunst zum Jubiläum” macht das unseres Erachtens umso lesenswerter.

www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/solide-kunst-jubilaeum-8583975.html

Da man den Link oft nur als Abonnent öffen kann, posten wir den Artikel hier ausnahmsweise mal direkt.

Solide Kunst zum Jubiläum

Wasserburg – Zum 50. Mal gibt es die Große Wasserburger Kunstausstellung des Arbeitskreis 68.

von Raimund Feichtner | 10.08.2017

 

Ein Blick durch die Messingskulptur „Der Ring“ von Ute Lechner und Hans Thurner in die Ausstellung im großen Rathaussaal. Feichtner©OVB

Es ist ein Jubiläum,  das nicht besonders gefeiert wird, denn der 50. Geburtstag ist erst im nächsten Jahr. Aber die Tatsache, dass seit einem halben Jahrhundert moderne Kunst aus der Region und darüber hinaus in Wasserburg präsentiert wird, ist ein großer Verdienst aller Verantwortlichen der Wasserburger Künstlergemeinschaft. Die vergangenen Jahrzehnte waren dabei nicht immer spannungsfrei, auch das vergangene Jahr nicht. Kurz vor der Ausstellung hat sich der Vorstand in mehrheitlicher Abstimmung von seinem Kurator Stefan Scherer getrennt. Der langjährige Zweite Vorsitzende Wolfgang Janeczka ist daraufhin wegen der Vorgehensweise zurückgetreten. Der seit 2016 amtierende Erste Vorsitzende, Dominic Hausmann, will mit seinem Vorstand und seiner Jury auf größere Vielfalt und eine neue Ausrichtung setzen. „Durch die neue Zusammensetzung des Juroren teams, eine Mischung aus erfahrenen Künstlern und ‚Newcomern‘, kann der AK 68 dieses Jahr eine besonders abwechslungsreiche und anregende Palette zeitgenössischer Kunst bieten“ kündigte der AK 68 in seiner Pressemitteilung an.

Die fünf Juroren, Dominic Hausmann, Margret Kube, Gavan Mc Collough, Paul Mooney und Vera Moritz konnten heuer aus insgesamt 475 Exponaten, eingereicht von insgesamt 135 Künstlern aus Deutschland, Belgien und Österreich auswählen. Die Jury hat sich für 105 Werke aus der Malerei, Fotografie, Grafik und Bildhauerei von 78 Künstlerinnen und Künstlern entschieden. Die Frauen sind dabei mit 33 in der Minderzahl. Ob diese Palette „besonders abwechslungsreich und anregend“ ist, muss jeder Besucher wiederum für sich entscheiden. Für den Berichterstatter ist die Ausstellung eine gewohnt solide Schau professioneller, regionaler Gegenwartskunst, die in einem Zug mit der Jahresausstellung des Rosenheimer Kunstvereins genannt werden kann. Werke mehrerer Künstler sind wie in jedem Jahr in beiden Ausstellungen zu sehen. Allerdings erscheint, die Wasserburger Kunstausstellung in manch vergangenem Jahr experimentierfreudiger, gar avantgardistischer gewesen zu sein.

Ausstellung auf drei Häuser verteilt

Ausgestellt wird wie schon in den vergangenen Jahren an drei Plätzen: im Eingangsbereich des Rathauses und im alten und neuen Rathaussaal, in der Galerie des Vereins im Ganserhaus und im rückwärtigen Ausstellungsraum des Museums Wasserburg. Vor dem Rathaus weist die fast fünf Meter hohe „Cut-Out“-Stahlskulptur „Meeting II“ von Georg Mayerhanser aus Waldhausen bei Schnaitsee mit seinen Silhouetten sprechender Gesichter passend auf die Ausstellung hin. Drinnen darf über die Kunst diskutiert werden. Und hier trifft man im Eingangsraum gleich auf die erwähnenswerte Arbeit des zweiten Waldhausener Künstlers. Jorgen May erhielt für seine ausdrucksstarke, etwas überlebensgroße, weibliche, mit weißer Farbe verfremdeten Holzskulptur mit dem Titel „Schüchtern“ den mit 500 Euro dotierten Preis „Junge Kunst“. Erwähnenswert sind hier auch die großen Fotoarbeiten von Otto Schindler mit seinen sparsamen Arrangements auf geblümter Tapete.

Sparsam bestückt ist der kleine Rathaussaal. Die kleine Edelstahlplastik, ein an einer Ecke geöffneter Würfel von Haté Hirlinger, steht als Objekt konkreter Kunst in interessantem Gegensatz zu den alten gotischen Fresken, ebenso wie Hans Lindenmüllers kybernetisches Objekt „Portal 2017“, bei dem sich beim Näherkommen automatisch ein kleines Tor öffnet. Es ist heuer eines der wenigen Objekte in der Ausstellung. In den Raum integrieren sich besser die drei aus je einem Baumstamm gearbeiteten witzigen Holzschafe von Fritz Schmidt-Ortenburger.

Bestimmender künstlerischer Höhepunkt im großen Rathaussaal ist der glänzende aus Segmenten zusammengeschweißte Messingring von 230 Zentimeter Durchmesser von Ute Lechner und Hans Thurner. Das Objekt „Der Ring“ ist in einer zerbrechenden Welt Sinnbild der Schönheit und Vollkommenheit und gleichzeitig Aufforderung zur Gemeinsamkeit und Eintracht.

Gegenüber im Saal hat der Wasserburger Roland Hanisch das Bild eines großen, fliegenden Vogels durch seine Aufsplitterung in einzelne Segmente verfremdet. Dazwischen hängt meist ansprechende Kunst verschiedener zeitgenössischer Stilrichtungen: faszinierende Fotografien von Heinz-Martin Weiand, Fotorealistisches von Gerhard Prokop, Abstrakt-Dynamisches von Michael Bednarik, expressiv-abstrakte Akte von Marta Fischer und vieles mehr.

Die Fülle guter Arbeiten setzt sich in der Galerie im Ganserhaus fort. Entsprechend der Räumlichkeiten sind hier meist kleinere Formate ausgestellt, auch hier eine Mischung verschiedener zeitgenössischer Stile. Interessant, aber inhaltlich nicht unbedingt verständlich ist Uli Reiters Papierarbeit „Weg mit der Kohle – Manifest zur Abschaffung des Eigentums“. Da lässt sich „Das Kapital“ von Karl Marx besser verstehen. Ähnlich unverständlich, aber interessant ist Andreas Fischers Objekt „Micro-Cern“ aus Elektronikbauteilen, Schläuchen und Drähten. Reste hat auch Pepe Kremer für seinen gleichnamige abstrakte, Collagen hafte Fotografie verwendet. Große abstrahierte Landschaften voller Dynmail malt dagegen Monika Lehmann. Still sind Aldo Canins leise Landschaftsbilder, von denen gleich drei zu sehen sind. Etwas technisch und künstlerisch Neues präsentiert das Team „Color-A“. Ihr gehört der aus Wasserburg stammende Maler Johannes Klinger an. Sie entwickelten eine transparente, dreidimensionale, abstrakte Malerei mit eigenem Farbraum, die durchaus ihren Reiz hat.

Etwas verschenkt wurde der Kellerraum der Galerie. Hier tritt dem Besucher gleich beim Treppenende eine lebensgroße Skulptur einer nackten Frau aus Stahlblech von Thomas Hans gegenüber. Sie ist fast ein Pendant zur Skulptur von Jorgen May im Rathaus, füllt aber den Raum nicht.

Extra-Ausstellung der Juroren

Im Museum Wasserburg nun ist eine Extra-Ausstellung der Juroren. Sie haben sich eine größere Zahl von auszustellenden Arbeiten genehmigt, was aber die Gestaltung des Raumes nicht erleichterte. Dominic Hausmann zeigt vier kleine abstrakte Materialcollagen, Gavan McCullough durchaus interessante aus Farbfeldern zusammengesetzte Porträts, Margret Kube expressive, verwaschene Gemälde, Paul Mooney abstrakte Aquarelle und Studien mit Linien und Kreisen, und von Vera Moritz stammen Mädchen- und Frauengestalten, die von Modezeichnung beeinflusst scheinen oder diese karikieren. Ihr Bild „Home sweet home“ einer alten Stadt verweigert sich der Schönheit. Es ist durch einen großen grauen Balken nach oben begrenzt, Farbschlieren fließen von unten hinauf.

 

 

 

KUNST IST HIER NICHT GANZ SO DRINGLICH

Leserbrief an die Kulturredaktion des OVB, Raimund Feichtner # Jahresausstellung „Kunst aktuell 2017“ des Rosenheimer Kunstvereins

Von Stefan Scherer

 

Jahresausstellung „Kunst aktuell 2017“ des Kunstvereins Rosenheim in der Städtischen Galerie Rosenheim. Abb.v.r.n.l: Cornelius Volkerts „Zeitungsstapel“, Peter Pohl „Insekt“, Stefan Scherer „CatMix“

 

 Sehr geehrter Herr Raimund Feichtner,

zunächst möchte ich Ihnen versichern, dass sich Ihre Ausstellungsbesprechungen m. E. deutlich abheben vom stellenweise flachen, nicht selten wohlmeinend einebnenden Aufzählungsjournalismus anderer Ihrer Kollegen und Kolleginnen.

Diese, an sich angenehme Abweichung findet aber ihren Preis im bisweilen quengeligen Grundton Ihrer Rezensionen. Als Künstler und Kurator verfolge ich nun seit Jahren Ihre Ausstellungsbesprechungen, in denen Sie sich hin und wieder mit vagen Formulierungen über mangelndes soziales oder politisches Engagement durch Ihre Artikel grummeln.

Auch in Ihrer aktuellen Besprechung der Jahresausstellung „Kunst Aktuell 2017“ des Kunstvereins Rosenheim verzichten Sie nicht darauf. Diesmal sekundiert von der 1. Vorsitzenden des Kunstvereins Frau Elisabeth Mehrle, die in ihrer Eröffnungsrede über die Dringlichkeit von Kunst als Mittel zur Anprangerung politischer Probleme spricht. Das Ganze gerät dann aber im bedeutungszerfleddernden Titel Ihrer Rezension: „Kunst ist hier nicht ganz so dringlich“ ein wenig aus den Fugen.

Zu was soll uns Kunst denn drängen, zu einer Art moralischer Gymnastik? Und welches „hier“ ist gemeint, die Galerie etwa oder ein artifizielles Gewissen als Ort der Empörungsillustrationen und Betroffenheitsgesten; oder besser noch, ein (Kunst)Raum in dem wir für die Opfer unseres parasitären Wohlstands unterhaltsam-ästhetische Allegorien finden?

Es scheint, als müsse sich Ihr Kunstbegriff in weltklagenden Erzählungen, heftig illustriertem Zeitgeschehen und heilsversprechenden Metaphern beweisen, nicht etwa im Ästhetischen selbst, auf dessen Oberfläche sich alle Freiheiten finden lassen zu denen Künstler fähig sind.

Umso wichtiger ist es mir daran zu erinnern, dass wir seit der Aufklärung von der Bedeutungsoffenheit von Kunstwerken sprechen. Zu nichts anderem sollte man die Kunst dringlich machen. Sie endet sonst als Ort der dringenden Bedürfnisse.

Stefan Scherer | 22.06.2017 

zum Artikel

https://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/kunst-hier-nicht-ganz-dringlich-8409198.html

SCHIESSEN SIE NICHT AUF DEN PIANISTEN

ZWIELICHT | PETER LUDWIG – FOTOGRAFIE

 

AK68 – Galerie im Ganserhaus | 14.05. – 11.06.2017

Der Komponist, Pianist, Arrangeur und Filmemacher Peter Ludwig, der in den letzten Jahren immer wieder mit Konzerten, besonders aber mit filmischen Hommagen an seinen Lebensmittelpunkt, die Stadt Wasserburg auf sich aufmerksam macht, erweitert mit der Ausstellung „Zwielicht“ nun sichtbar sein künstlerisches Spektrum um ein weiteres Feld, die Fotografie.

Auch mit dem aktuellen Auftritt, diesmal als Fotokünstler in der Galerie im Ganserhaus bleibt er dem Thema Wasserburg treu und seiner Ambition als poetischer Chronist der idyllischen Kleinstadt in Erscheinung zu treten.

Die Vernissage gestaltete sich, vornehmlich für das Wasserburger Publikum, dementsprechend unterhaltsam. Quasi im Alleingang und mit der Attitüde eines Conferenciers plauderte Ludwig über seinen Zugang zur Fotografie, Erinnerungen an das Fotogeschäft seiner Kindheit, die glitzernden Mercedeskarossen seiner Jugend bis in die Gegenwartserkenntnis des reifen Fotografen, dass die Schönheit seiner weiblichen Modelle eine Idee des griechischen Götterhimmels sein müssten.

Im Wechsel von Plauderei und muskalischen Intermezzi am Piano und Saxophon entwickelte Peter Ludwig so seinen Persönlichkeitsentwurf des modernen Fotografen. Beflügelt vom Protagonisten des Antonioni-Kultfilms „Blow Up“, dessen Figur im swinging London der 1960er u. a. von Gunter Sachs inspiriert war, sieht sich Peter Ludwig als Fotograf zwischen Face-a-Face-Fotografie, dem kreativen Zufall der Serie und einem Kamera-Voyeurismus, der sich, so Peter Ludwig von der sexuellen Konnotation distanzieren möchte.

Diese Distanz lässt sich gleich in der allerersten Fotografie des Ausstellungsrundgangs überprüfen, der Abbildung eines jungen Mädchens, das mit fordernder Miene und ernstem Blick durch eine leeren Rahmen hindurch mit dem Betrachter flirtet, als wolle sie sagen:„Mach dir ein Bild von mir!“; eine Machs-mir-Inszenierung in der Ästhetik einer Baumarktwerbung.

Als Betrachter war ich davon unmittelbar berührt… und zwar unangenehm. Was für einen Grund sich mit dieser Abbildung auseinanderzusetzen gäbe es denn, als diese Koketterie virtuell zu erwidern, sich dabei gar selbst zu ertappen und zum Voyeur dieser exhibitionistischen Geste zu werden. Die Klischeehaftigkeit der Komposition lässt auch keine Flucht in abstrakte Lokalformen oder Flächen zu. „SCHIESSEN SIE NICHT AUF DEN PIANISTEN“ weiterlesen

KUNSTHASEN

OSTERN 2017


Nicht erst seit Dürer hoppelte er durch die Kunstgeschichte. „Unübersichtlich aber wird der Hasenmythos für jeden, der den Blick über die eigene Kulturgrenze wagt. Zuerst taucht der Hase als früher Tiergott auf. Dann nimmt ihn bereits Aphrodite zu sich. Ihr Lieblingstier ist schnell, geil und äußerst fruchtbar. Herodot behauptet im 5. Jahrhundert, daß selbst die Männchen trächtig würden. Und im China Han-Dynastie steht Hase synonym für Homosexualität. Die Häsin zeugt nicht mit dem Hasen. Sie wird schwanger durch das Ablecken feiner Pflanzensprossen und gebärt die Jungen ausspuckend. So bezeichnet der weibliche Hase (yin-t’u) zugleich den äußeren Teil der Vagina. Das heidnische Symbol der Fruchtbarkeit verwandelt die katholische Kirche in sein Gegenteil. Augustinus behauptet, der Hase sei ein schwacher ängstlicher Mensch, gejagt von anderen Menschen, der bei Christus Zuflucht finden wird.“ 1

Dürer ging es in seinem Aquarell sehr wahrscheinlich nicht um die symbolische Bedeutung, sondern allein um eine naturhaft dargestellte Präsentation. „Zeitweise gehörte eine Reproduktion von Dürers Hase zum festen Inventar bürgerlicher Wohnstuben. Immer wieder abgedruckt in Schulbüchern, verbreitet in unzähligen Reproduktionen, als Relief in Kupfer, Holz oder Stein, vollplastisch aus Kunststoff oder Gips, Umhüllt von Plexiglas, aufgemalt auf Straußeneier, gedruckt auf Plastiktüten, verfremdet als „Hasengiraffe“ von Martin Mißfeld, als Gag von Fluxus-Künstlern oder in Gold gefasst und günstig zu erwerben in Galerien und auf Kunstmessen. Sigmar Polke  hat sich immer wieder mit dem Hasen beschäftigt , ihn auf Papier oder Textiles gemalt (Abb.), in Installationen untergebracht, Dieter Roths „Köttelkarnikel“ ist eine nach dem Vorbild des Dürer-Hasen aus Hasenmist geformte Nachbildung und Klaus Staek schließlich sperrt ihn in einen engen Holzkoffer, von dem ein Stück abgeschnitten wurde, so dass der Hase im Koffer einen Ausblick hat und Luft bekommt.“ 2

Nicht zu vergessen Schlingensiefs 2004 rund um seine Parsifalinszenierung  erweiterter Hasenbegriff und warum in Zukunft Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen sollten und 40 Jahre früher Joseph Beuys Aktion „Wie man einem toten Hasen die Kunst erklärt“ von 1965.

So vermute ich, dass eher der tote Hase die Bedeutung der Kunst begreift, als der sogenannte gesunde Menschenverstand. Der menschliche Betrachter zeigt sich ohne jedes Verständnis, da er schon immer alles verstanden hat, noch bevor er überhaupt richtig hingeschaut hat, d.h. im Wettlauf mit dem Hasen gefällt er sich in der Rolle des Igels.“ 3

Auf ein südwestafrikanisches Märchen bezog sich Christoph Schlingensief, als er den Kultobjekten im Parsifal den Hasen hinzufügte. „Es kursiert ein Gerücht in Namibia. „Als die Menschen noch über tote Freunde trauerten, sandte ein guter Mann, einen Hasen zu ihnen. Der sollte verkünden, daß, wenn die Menschen zunächst auch stürben, sie doch eines Tages zurückkehren, so wie der Mond. Der Hase lief zur Buschlaus und bat sie, statt seiner die Botschaft auszurichten. Er erzählte sie auch ganz verkehrt. Die Buschlaus weigerte sich. „Nein“, sagte sie, „es ist viel zu früh und ich bin noch nicht fertig angezogen. Lauf nur selbst!“ Als nun der Hase zu den Menschen kam, verdrehte er die Botschaft komplett: „Wer tot ist bleibt tot und lebt nie wieder,…im Gegensatz zum Mond.“ Seither hassen die Menschen den Hasen und nennen ihn den „dummen Tor“. Wer Hasenfleisch ißt, dem hält man das sein Leben lang vor.“

„KUNSTHASEN“ weiterlesen

SOMNAMBULISTAN

Ergül Cengiz und Kinay Olcaytu

AK68  Galerie im Ganserhaus | 01.04.2017 – 30.04.2017

Interviews und Rezension

 

Wie wir alle wissen, bedeutet Somnambule Schlafwandeln aber auch Mondsüchtigkeit. Demnach müsste Somnambulistan das Land der Schlafwandler und Mondsüchtigen sein. Weil wir nun Mondsichel und Stern mit der muslimischen Welt identifizieren und „stan“ die Endsilbe vieler turksprachiger und indoiranischer Gebiete ist darf mal spekulieren, dass Somnambulistan an der Grenze eines noch nicht ausreichend erwachten Bewusstseins zwischen christlicher und islamischer Welt gelegen sein muss oder poetischer; hinter den sieben Bergen im Land der tausendundeins Erzählungen in dem Shehezarade in mondhellen Nächten in 1000 Geschichten 1000 Bilder findet, um ihr Leben zu retten. „SOMNAMBULISTAN“ weiterlesen

CAFE CENTRAL

Staatsgemäldesammlung kauft Cafe Central

 

In der letzten Märzwoche besuchte die Einkaufskommision der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit Dr. Melitta Kliege vom Neuen Museum Nürnberg, dem Maler Bernd Zimmer und Dr. Oliver Kase, Kurator der Pinakothek der Moderne die Jahresausstellung 2017 des Ebersberger Kunstvereins. Sie erwarben Arbeiten von Stanislav Horvarth und Stefan Scherer, u. a. das Gemälde „Cafe Central“.

Scherer: „Seit 15 Jahren kenne ich das Cafe Central und ungefähr genauso lange spekuliere ich über die Männer an der Theke. Früher rauchten ihnen die Köpfe; heute gehen sie dafür nach draussen und wie die Vögel auf den Hochspannungsleitungen fliegen sie hin und her zwischen Innenhof und ihren Barhockern mit Fernsicht.

Dieses Bild kombinierte ich für die Jahrsausstellung in Ebersberg mit einer Lichtinstallation (Abb. links), die ich mit Loie Fullers Lichttanz von 1882 in den Pariser Folies Bergere in Verbindung bringe. „Je sculpte de la lumière“ – „Ich forme Licht“, überschrieb die Tänzerin programmatisch ihr Schaffen. Sie unterstrich damit die Forderung nach einer abstrakten Kunst, die weniger als unmittelbarer Ausdruck gesell-schaftlicher Realität entsteht, sondern vielmehr als Behauptung einer ästhetischen Gegenwelt“. Noch aus dem sicheren Sofa heraus, der Theke gegenüber, behaupte ich das auch. „CAFE CENTRAL“ weiterlesen

ZIMMER IM GRÜNEN

ATELIERTAGE BEI WILHELM ZIMMER

Besuch im Atelier 26.03.2017

Lange hatte ich es versprochen und mir fest vorgenommen mit Willis Werk Freundschaft zu schließen. So macht ich mich an einem sonnigen Frühlingstag auf ins Grüne zu Willis Ateliertagen nach Aichet bei Schonstett, einem idyllischen Weiler mit romantischer Mühle.

Dort in einer Schreinerei im ersten Stock unter meterhohem Giebel ist Willi Zimmers Ausstellungsraum und seine kleine Werkstatt. Unten auf der Tenne stimmten Musiker ihr Instrumente, um das Haus herum standen nicht wenige Gäste in der Sonne und oben im Showroom wurde in gedämpften Gesprächen das Werk rezipiert. „ZIMMER IM GRÜNEN“ weiterlesen